Keine Katze in Moritzburg

Kammermusikfest hält mancher Störung stand

Wenn man Veranstaltungen nach draußen verlegt, muß man mit manchen Unbilden rechnen, vor denen man drinnen geschützt wäre. Zum ersten natürlich mit Wetter, wovon das Moritzburg Festival gleich am Eröffnungstag eine Kostprobe abbekam – glücklicherweise die bisher einzige. Überflüge von Drohnen und eine Party in der Nähe hatten noch ein paar Störungen bereitet, wenigstens aber nicht nachhaltig. Ausgerechnet am Tag der Radioübertragung jedoch gab es Alarm …

Begonnen hatte jedoch alles ganz normal. Antonín Dvořák: Bagatellen für Streichtrio und Harmonium Opus 47 gehören beinahe regelmäßig alle paar Jahre ins Programm. Kai Vogler spielt dann in der Regel eine der Violinen, die andere (denn Dvořáks Streichtrio hat deren zwei) übernahm diesmal Nathan Meltzer. Als Cellist hatte Moritzburg-Rückkehrer Andreas Brantelid seinen ersten Auftritt in diesem Jahr, während der Mann am Harmonium bei manchen für Staunen sorgte, denn diesmal spielte es keiner der eigentlichen Teilnehmer des Festivals, sondern Geschäftsführer Tobias Teumer. Daß er über eine veritable Kenntnis und Praxis von Tasteninstrumenten verfügt, gerade auch mit jenen abseits des Flügels (wie Cembalo und Orgel), sprach zumindest für seine Besetzung.

Und die Entscheidung war so richtig wie berechtigt, denn hier war kein Amateur unter Profis, mußte niemand Rücksicht auf den anderen nehmen bzw. keine besondere – Kammermusiker hören immer aufeinander. Dvořáks reizende Bagatellen wogten wie ein böhmisches Kornfeld, ließen einen freien Geist oder Gedanken schweifen, eine Lerche singen (Tempo di minuetto. Grazioso) und zeigten, wieviel lebhafter ein Allegretto scherzando gegenüber einem Allegro scherzando sein kann – Nathan Meltzers Bogen hüpfte über die Saiten, Andreas Brantelids Cello sang. Und obwohl das Harmonium doch eigentlich ein eher behäbiges Instrument ist, tummelten sich die Bagatellen luftig auf der Moritzburger Kammerbühne.

Mit Ernest Chaussons Konzert für Violine, Klavier und Streichquartett D-Dur Opus 21 gab es im Anschluß einen Neuling und weiteren Exoten. Lise de la Salle hat das Stück kürzlich mit Daniel Hope und Mitgliedern des Zürcher Kammerorchesters aufgenommen, sie konnte erneut – wie kürzlich bei Schostakowitsch – zeigen, daß ihr die modernen, expressiven Farben liegen. Ihr Spiel kann ebenso grell, effekt- und ausdrucksvoll sein wie zart umschmeichelnd. Bomsori Kim (Solo-Violine) folgte ihr auf Augenhöhe, vermochte mit Gesang zu bezaubern und mit Verve einzunehmen. Auch ihr Farbspektrum reichte vom starken Kolorit und scharfen Konturen bis zu fein nuancierten Zwischenschattierungen und lyrisch geprägtem Spiel. Chaussons selten zu hörendes Stück ist wahrhaft ein Hybrid, hat ebenso klar konzertante Passagen wie einen kammermusikalischen Charakter und Zusammenschluß. Wie gut, daß die beiden Solistinnen nicht allein exponiert waren, sondern mit Kevin Zhu und Nathan Meltzer (Violinen), Lars Anders Tomter (Viola) und Henri Demarquette (Violoncello) ein Quasi-Sextett bildeten, Kevin Zhu hatte ohnehin manches Mal die zweite Stimme zu übernehmen. Das Werk gewann vor allem durch die klug gestalteten Kontraste – Konturen allein sind einprägsam, genügen aber eben nicht, sie bedürfen der sinnvollen und emphatischen Ausfüllung. Gerade der Beginn des dritten Satzes Grave mit den beiden Solistinnen gelang beeindruckend einfühlsam, bevor das Quartett ein zweisilbiges »A-men« zu formulieren schien, worauf sich die Belle Époque wieder schwärmerisch Bahn brach.

Daß die Gänse des Moritzburger Schloßteiches die Konzerte allabendlich einschnattern, daran haben sich die Besucher längst gewöhnt – es ist im Gegenteil ein fast liebgewordener Beiklang. Wenig willkommen war jedoch ein Feueralarm im Schloß, der nach der Pause während Wolfgang Amadé Mozarts Klarinettenquintett A-Dur (KV 581) losbrach. Gottlob war es ein Fehlalarm, jedoch muß – entsprechend Vernunft, Regeln und Kompetenz – auch er von der Feuerwehr abgestellt werden und war nicht schnell von einem Vertreter des Veranstalters zu beenden. Die Feuerwehr war beeindruckend schnell vor Ort, das Publikum nahm den Vorfall schließlich verständnisvoll auf. Schließlich war es ausgerechnet an jenem Konzertabend passiert, an dem das ARD-Radiofestival nicht nur in ganz Deutschland, sondern in viele Europäische Länder übertrug, weshalb eine Entscheidung (abbrechen, warten etc.) mit Rücksicht auf das rote Aufnahmelämpchen getroffen werden mußte. Nun ja – das durch den Park fahrende Feuerwerkfahrzeug, ein bellender Hund … Es gab noch mancherlei »Beiklang«, da wäre einem Rossinis Katze lieber gewesen (Katzen verursachen im allgemeinen keinen Lärm).

Wie gut, daß Wenzel Fuchs (Klarinette), Mira Wang und Kevin Zhu (Violinen), Ulrich Eichenauer (Viola) und Andreas Brantelid unter solchen Umständen die Ruhe bewahrten! (Sie können den Vorfall vermutlich einer Sammlung von Anekdoten beifügen.) Und so ging Mozarts charmantes Quintett letztlich glücklich »über die Bühne«. Sehr dicht hat Mozart die fünf Stimmen gefügt, auch wenn die Klarinette manchmal natürlich ein wenig solistischer glänzt (Wenzel Fuchs‘ polierter Ton erwies sich als nobel!). Und schon Mozart hat – wie nach ihm Brahms, den inneren Bund von Klarinette und Viola gekannt und beide hin und wieder komplementär besetzt – eine Bereicherung.

Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte und Mozart verklungen war, durfte es mit etwas Tschaikowsky geben. Das »Herbstlied« (Oktober) aus seinem »Jahreszeiten«-Zyklus hatte Tōru Takemitsu für Klarinette und Streichquartett arrangiert.

13. August 2020, Wolfram Quellamlz

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