Lassen Sie sich entführen …

… Kirill Gerstein nimmt Sie mit in die Welt von Thomas Adès

In ganz andere Welten entführen Kirill Gerstein und Thomas Adès mit ihrer CD »In Seven Days« – schon mit dem ersten Akkordschlag läßt sie aufhorchen. Es ist ein greller Blitz, der niederfährt, dem ein Flackern und Grollen nachfolgt sowie eine musikalische Idee, die sich schleichend durchs Blitzlicht erhebt und schließlich frei wird – nicht ohne daß hier und da noch Blitze zuckten, welche für Reizpunkte, für Spannung sorgen. Impressionistisch flirrt es hier und da, als setzte nun der Regen des Gewitters ein.

Es ist die Paraphrase zur Oper »Powder her Face« (von uns gesehen in Magdeburg, Ausgabe 29 / 2018), dargeboten von Kirill Gerstein und vom Komponisten selbst auf dem Klavier. Was am Anfang noch bildhaft und suggestiv scheint, wächst immer weiter, wird struktureller, bleibt aber frei – man ist plötzlich an Franz Liszts große Sonate h-Moll erinnert, die auf engstem Raum den Übergang vom Crescendo in einen Neuanfang komprimiert. Das ist verblüffend und spannend und wird in dieser konzentrierten Form zu einem Ereignis – hier trägt der musikalische Fluß allein, während die Oper mit dem Bühnengeschehen zusätzlich Bilder und Text offeriert. Die Geschichte von Margaret Campbell, der illustren Duchess of Argyll, exzentrisch und immer in den Seiten der Yellow Press, dominiert dort natürlich. Die Paraphrase enthält zwar emotionale Reflexe, die sich aber losgelöst von der Handlungsgeschichte ganz anders entwickeln können (dürfen), nicht zuletzt im Kopf des Hörers, da Thomas Adès Musik geradezu szenisch-bildhaft ist.

Daß hier zwei Pianisten spielen, merkt man mitunter nicht, denn sie werden nicht »massiv«, sie bereichern aber thematisch und in Farben, als seien sie ein Pianist mit vier Händen. Dabei ist die Nähe zu Liszt, sowohl die Virtuosität als auch den Gestaltungsreichtum betreffend, verblüffend.

Mit der Berceuse für Klavier solo, vorgetragen von Kirill Gerstein, zu »The extermination Angel« (Der Würgeengel, ebenfalls eine Oper von Thomas Adès) wird es zunächst ruhiger. Fallenden Tonleitern und Motiven markieren den Abstieg, den Verlust. Adès läßt nicht nur fallen – er führt den Zuhörer ins Bodenlose, in düstere Gefilde. In der Oper bricht das kultivierte Verhalten der Protagonisten bald auf, die immer roher, sogar barbarischer agieren. Und so sprechen die schlagenden Akkorde am Ende von einem gewaltsamen Schluß.

Eine in jeder Hinsicht nochmals ganz andere Welt offenbart Kyrill Gerstein in Thomas Adès‘ Drei Mazurken für Klavier. Diesmal gaben nicht gesellschaftlicher Exzeß oder Kontroverse ein Thema vor, sondern die klassische Form der Stücke. Das phantasievolle Spiel mit lebhaften Strukturen fasziniert den Komponisten offenbar, Kirill Gerstein gewährt den entzückenden Miniaturen jede Freiheit und prickelnde Überraschungen.

Namensgebend für die Aufnahme war jedoch »In Seven Days« für Piano und Orchester, eine Sinfonie mit obligatem Klavier, welche die Schöpfungsgeschichte umfaßt. Entsprechend in sieben Teilen werden sieben Tage beschrieben, die das Erwachen und Hervorbringen zum Inhalt haben. Das Klavier schweigt hier zunächst, denn Flöte und Trompete markieren über den webenden Streichern den Anfang und das, was daraus folgt. Auch mit Orchester bleibt Adès erfrischender, impressionistisch angeregter Stil erhalten, der vor kraftvollen Farben aber nicht zurückschreckt. Nach dem ersten Crescendo im Orchester meldet sich das Klavier zu Wort, das aus einem Grollen heraus lebhafte Töne perlen läßt. Die Vielfalt der Arten bzw. die Komplexität der entstehenden Welt schlägt sich in der immer weiter gefaßten Instrumentation nieder, zu der Schlagzeuge hinzutreten – der erste Tag endet mit Dunkelheit, aber nicht jener des Nichts oder des Anfangs, sondern einer düsteren, allumfassenden Finsternis.

So wie Tag auf Tag folgt bzw. der Tag aus der Nacht entsteht, gehen die Sätze der Sinfonie ohne Unterbrechung ineinander über. Daraus schöpft der Komponist Land und Wasser, dessen Aufteilung orchestral in gewaltigen Massen (aber nie tosend) darstellt, bevor mit dem ersten Stück Boden ein fester Grund Stabilität zu geben scheint, wo sich Gras wiegt, Bäume wachsen. Die Stetigkeit von Adès‘ Musik verbindet das Strömen und das Auftauchen oder wachsen von Teilen (Arten), wobei die Rollen wechseln. Die Streicher sind also nicht allein aufs Weben, das Klavier nicht nur auf Ornamente und Elemente beschränkt.

Trotz der Bildhaftigkeit entsteht hier kein Breitbandsound, keine Filmmusik. Der Komponist gestaltet mit dem Tanglewood Festival Orchestra einen sauberen, durchsichtigen Klang, durch den Motive schimmern oder klar hervortreten können. Dabei spielt er auf verblüffend stringente, aber eben niemals simple Weise mit Motiven und Bildern, die Licht und Dunkelheit, Erde, Wasser oder Sterne suggerieren. Für deren Flimmern darf freilich der Pianist sorgen, der eine ganze Galaxie aus dem Flügel strömen läßt. Adès‘ Musik überrascht mit immer neuen Reflexen und Impulsen, hat aber auch einen Verlauf inne, der die Effekte trägt, weshalb die Kraft des Stückes nicht verlöscht. »Kontemplation« ist ein wesentliches Element, ein Zustand oder eine Form des Kraftschöpfens (und hat mit chillen nichts zu tun) – im Finale ist es musikalisch erfahrbar.

Fazit: Adès macht neugierig – so ein Werk möchte man nur zu gerne einmal im Konzert hören. Wäre doch schön, wenn »In Seven Days« schon bald einmal im Programm eines unserer Orchester oder der Musikfeste stünde!

Sommer 2020, Wolfram Quellmalz

Thomas Adès »In Seven Days« für Klavier & Orchester, mit Kirill Gerstein (Klavier), Thomas Adès (Leitung, Klavier), Tanglewood Festival Orchestra, Myrios

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