Zweiunddreißig Mal Verlieben

FRANK BERZBACH »DIE SCHÖNHEIT DER BEGEGNUNG«

Aus dem Erinnern und Erzählen, wie eine Beziehung angefangen hat, der in den Erinnerungen liegenden Unsicherheiten und den Variationen (oder Sichtweisen), aber auch aus den Gedankenspielen Was-Wäre-Wenn ergeben sich mannigfaltige Möglichkeiten, wie es noch oder auch hätte »laufen« könnte. Daraus hat Frank Berzbach die Idee entwickelt, diese Möglichkeiten einmal zu beschreiben, auszuspinnen, sie immer neu zu variieren. Am Ende sind es zweiunddreißig Versionen geworden (genaugenommen sogar dreiundreißigeinhalb), wie bei Johann Sebastian Bachs »Goldbergvariationen«. Bach geht vom immer gleichen Motiv aus, dem Baß der Aria, Frank Berzbach vom immer gleichen Paar – Linh und »ich«.

Bachs Kosmos ist komplex, schließt Spiegelungen, Quodlibets, Fugen und XXX ein, eine Struktur und Ordnung mit spannendem Verlauf. Frank Berzbach hat ähnliche Kniffe in seine Variationen eingebaut, erweitert die Paarkonstellation zur Begegnung dreier Stimmen (Personen) und läßt Linh einmal mit dem anderen Mann anfangen, mal mit dem einen (»ich«). Der Autor spiegelt, kehrt um, sorgt für dramaturgische Reibungspunkte und bricht aus dem Rahmen der Konstellation aus. Einmal reist er zurück ins Hamburg der 1960er Jahre, als die Beatles hier in den Clubs auftraten, dann lernen sich in zwei Variationen Sohn und Tochter bzw. deren Vater und Mutter kennen.

Manches bleibt sich in den Geschichten gleich. Vor allem Personen wie die Freundin Ada oder der Freund Nick tauchen immer wieder auf; Tattoos, Musik und Bücher von Henry James, Paul Auster oder Haruki Murakami spielen immer wieder eine Rolle. Köln und Hamburg sind zentrale Begegnungsstätten der Schönheit, manchmal reichen die Variationen bis Berlin, London, Paris oder New York.

Wir waren erschöpft und ein bisschen zerschunden von der Plötzlichkeit der Ereignisse. Wir gaben erst gar nicht vor, keine Erwartungen zu haben, denn wir hatten welche. Es gibt die gewöhnlichen Pfade, die langsam in Serpentinen nach oben führen, aber es gibt auch die Abkürzungen, querfeldein, und die hatten wir genommen. Als wir schließlich nach unten blickten, nicht nur auf unser Schokoladencroissant, sondern auch auf die zurückgelegten Höhenmeter, wunderten wir uns. Wie waren wir bloß hierhergekommen?

(aus Variation 01)

Liest man die Geschichten fortlaufend wie einen Roman, ermüden die Effekte jedoch, fallen gleiche Konstruktionsmerkmale auf. Die Menschen, die sich kennenlernen, sind schließlich (fast) immer dieselben: Linh und »ich«, auch die Konstellationen ähneln sich: Sie ist oft die bestimmende, starke, zielstrebige Frau, er der weiche, anpassungsfähige Mann, der in einer untergebenen Position arbeitet, als Portier oder Hilfsgärtner, aber nur, weil er gerade eine Auszeit nimmt. Im Grunde hat »ich« eine viel höhere Ausbildung, gar einen Doktor- oder Professorentitel. Oft verbringen Linh und »ich« schnell eine erste heiße Nacht miteinander – weil sie es so will. (Das wundersame Märchen der Prinzessin, die nicht den Prinzen, sondern den Knappen erwählt.) Es sind leidenschaftliche Begegnungen, doch da der weitere Verlauf nicht beschrieben oder nur angedeutet wird, erzählt Frank Berzbach am Ende wenig über die Liebe, eher über die Leidenschaft. (Vielleicht verliert das Buch auch ein wenig an Kraft, weil gleich die erste Variation die beste ist?)

Die Arbeit als Schriftsteller ist alles andere als aufregend. Ich stehe morgens auf, übe mich im Zazen, damit mein Geist ruhiger wird, trinke Tee und esse Haferflocken mit Obst und Sojajoghurt. Um acht setze ich mich an den Schreibtisch, arbeite bis zum Espresso um zehn, lese etwas, höre die erste Seite einer Beatles-LP und schreibe dann bis zum Mittag. Nach dem Essen lese ich die Zeitungen. Vor dem 3-Uhr-Tee fahre ich Rennrad, dann schreibe ich weiter. Abends höre ich Jazz, trinke Wein oder gehe spazieren. Mein Verlag bekommt meine Texte per Mail, und das ist etwas traurig. Ein Kapitel oder ein Manuskript abzugeben hat kaum noch einen Zauber. Ein Klick, keine persönliche Übergabe.

(aus Variation 09)

Die Leidenschaften erstrecken sich bis auf Croissants, Averna, veganes Essen, das Bahnfahren und vor allem Markenkleidung. Der Autor verwendet deren Namen (Cleptomanicx-Hoodys, Fred-Perry-Shirts, Dr.-Martens-Halbschuhe, Chelsea Boots) oft synonym, ohne hinzuzufügen, was es ist. (Der Rezensent stand vor dem Problem, erst via Internetsuche herausfinden zu müssen, daß es manchmal nicht mehr war als ein Kapuzenpullover.) Die Fokussierung auf äußerliches und auf die Begierde der ersten Begegnung ist etwas obsessiv, die Bestimmtheit, mit der »ich« manche Themen benennt, verleiht ihm einen missionarischen Zug.

Ich zog auch die Riemen um ihre Knöchel zu, nun war sie fixiert und streckte mir ihren Po entgegen. Mich erregte der Anblick, ich wollte sie sofort wieder lösen, aber sie schüttelte den Kopf und bat mich stattdessen, ihr die Peitschen und Gerten vorzuführen, die rechts von der Bank an der Wand hingen. Ich wählte ein dünnes Bambusrohr, holte aus und schlug ihr auf den *****.

(aus Variation 29)

Aber vielleicht ist »Die Schönheit der Begegnung« das richtige Buch für den Weg zur und von der Arbeit, wenn man morgens und abends je eine Geschichte liest, ohne auf eine Verbindung wie bei den »Goldbergvariationen« zu warten.

Frank Berzbach »Die Schönheit der Begegnung. 32 Variationen über die Liebe«, Erzählungen, EISELE (Deutscher Verlagspreis 2020), fester Einband, Schutzumschlag, Lesebändchen, 192 Seiten, 20,- €, auch als e-Book (16,99 €)

11. September 2020, Wolfram Quellmalz

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