Die tausend Saiten einer Viola

Antoine Tamestit und Cédric Tiberghien im Rezital im Dresdner Kulturpalast

Zum Auftakt der neuen Spielzeit hatte die Dresdner Philharmonie Antoine Tamestit und Cédric Tiberghien am Sonntagnachmittag für ein Konzert eingeladen. Somit bekam die Viola ein großes Podium – eine willkommene Ergänzung in der Gästeliste der Quartette und Pianisten, denn sie kann nicht nur schön klingen, verfügt vielmehr über ein ungeheures Ausdrucksspektrum.

Johannes Brahms Sonate Opus 120 Nr. 2 für Viola und Klavier gehört, auch in der Fassung für Klarinette und Klavier, zu den bekannten Kammermusikstücken. Doch das Publikum nur mit gewohntem »abholen« wollte Antoine Tamestit sicher nicht. Schon mit den ersten Takten fing er seine Zuhörer ein, ließ seine kostbare Stradivari sonor raunen, schmeicheln, umgarnen. Und gleich war auch klar: für ein solches Rezital braucht es zwei. Das Klavier ist ein obligater Partner, und in vielen Fällen – wie bei Brahms – beherrschte es der Komponist selbst sehr gut. Zu denken, es spiele nur eine nebensächliche Begleiterrolle, greift also zu kurz. Antoine Tamestit und Cédric Tiberghien wuchsen bei Brahms zum innigen Duo, das in einem Sinne spielte. Klangspitzen wie im Allegro amabile perlten um so wirkungsvoller hervor, im zweiten Satz entfachten beide eine tiefe Leidenschaft.

Eine solche [Leidenschaft] läßt sich noch durch einen Text und eine Stimme vertiefen – oder wenn ein so stimmliches Instrument wie die Viola einem Song von John Dowland nachspürt. Antoine Tamestit hatte das sehnsuchtsvolle »If my complaints passions move« für sein Instrument bearbeitet und ließ ihm Benjamin Brittens »Lachrymae«, in dem der Komponist auf Dowland zurückgreift, direkt folgen.

Britten hat seine Variationen jedoch umgedreht: Anders als sonst, wenn Komponisten über ein Thema reflektieren und es zunächst vorstellen, gelangt er erst am Ende zum Ausgangspunkt. Schon mit den ersten Tönen verarbeitet er dagegen das Original, wobei es nicht ohne weiteres zu erahnen ist. Dafür werden jedoch Stimmungen greifbar, Zustände, eine Wesenheit, die zunächst fragil, verletzlich ist. Ein paar Tremoli, einige Klavierakkorde genügten schon, um dies zu skizzieren. Antoine Tamestit und Cédric Tiberghien drangen sogleich in seelische Tiefen vor, da mag das »Material« noch so sparsam scheinen. Und sie fächerten es auf, stießen in dunkle Dimensionen vor, hielten inne. In seiner Doppelbödigkeit, Subtilität rückt »Lachrymae« verblüffend selbstverständlich in die Nähe Dmitri Schostakowitschs.

Schostakowitsch, das zweite große Solitär in der Musik seiner Zeit, hatte der Viola an seinem Lebensende ein letztes Werk gewidmet. In der Sonate Opus 147 fanden Antoine Tamestit und Cédric Tiberghien eine ähnlich minimale Anlage wie bei Britten, schufen daraus expressive Bilder. Kantig, schroff schienen sie manchmal, plötzlich belauerten sich die beiden Partner am Ende des ersten Satzes, um gleich darauf mit einem Zitat (Adagio aus der »Mondscheinsonate«) für verblüfftes Staunen zu sorgen – wem blieb da nicht jeder Bratschenwitz im Halse stecken? Der Mondschein schien zu entgleiten, rutschte ins Moll der letzten Worte des Komponisten.

Mit Sorgfalt, Einfühlungsvermögen und musikalischer Mannigfaltigkeit begeisterten die beiden Musiker ganz ohne Jubelglanzstücke, dafür aber mit sensibler Tiefe. Die Zugabe, Brahms »Guten Abend, gute Nacht« schien da (zur Nachtmittagsstunde) fast ein wenig naiv.

7. September 2020, Wolfram Quellmalz

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