Wie im Gambenhimmel

Bergfest beim Heinrich Schütz Musikfest

An der Viola da gamba kommt man beim diesjährigen Heinrich Schütz Musikfest nicht vorbei. Ohnehin gehört sie zu den bestimmendsten Renaissanceinstrumenten, nun zeigt sie seit vergangenem Freitag ihre Vielseitigkeit: Im Eröffnungsabend sang sie im Consort, gleich darauf suchte sie die Nähe zum Akkordeon, nun zeigte sie auch ihre kammermusikalischen und solistischen Qualitäten.

Am Dienstag lud der Kooperationspartner der Konzertreihe Offenes Palais – Musik und Kunst im Großen Garten Dresden ins Palais im Großen Garten. Das Amsterdamer Ensemble Fantasticus (Rie Kimura / Barockvioline, Robert Smith / Viola da gamba und Pieter-Jan Belder / Cembalo) huldigten mit »Stylus phantasticus« der musikalischen Phantasie. Mit Sinfonien und Sonaten von Alessandro Stradella, Dietrich Buxtehude, Antonio Bertali und Johann Heinrich Schmelzer verführte das Trio seine Zuhörer ins 17. Jahrhundert und in die Hoch-Zeit der Gambe. Robert Smith durfte sich dabei über sein »neues« Instrument freuen – erbaut wurde es freilich vor etwa dreihundert Jahren. Rie Kimuras Barockvioline, 1690 entstanden, ist sogar noch älter, beide Instrumente konnten mit ihren Stimmen das Publikum verzaubern, wie in Stradellas Sinfonia XXII in d-Moll. Während Violine und Viola da gamba solistisch hervortraten oder sich im Duett bzw. fugiert umrankten, sorgte Pieter-Jan Belder am nicht minder schönen Cembalo für eine rhythmische Grundierung und Struktur, für ein manchmal perkussive Gegengewicht, blieb sonst aber eher »hintergründig«. Oft bekommen die Basso-continuo-Spieler in solchen Programmen ein Solostück, doch an diesem Nachmittag und Abend standen die beiden Streichinstrumente im Zentrum. Sie konnten ebenso virtuos und frei verzieren wie dem vermeintlich strengen Verlauf einer Chaconne folgen und ihn beleben.

Auch am Mittwoch wurde viel gestrichen. Mit Lucile Boulanger stand einer neuer Stern der Szene auf dem Podium im Alten Pumpenhaus, einem akustisch wie optisch beeindruckenden Kammerkonzertraum, den das HSMF im vergangenen Jahr für die Klassische Musik wachgeküßt hatte. Die junge Gambistin durchschritt mit Suiten von Nicolas Hotman, Marin Marais und Monsieur de Sainte Colombe nicht nur das 17. Jahrhundert, sondern auch die Geschichte des französischen Gambenspiels – die drei Komponisten folgten als Lehrer und Schüler nacheinander.

Lucile Boulanger wiederum war Schülerin von Marianne Muller, die am Wochenende im Coselpalais gespielt hatte. Zwischen beiden Konzerten gab es noch einen Berührungspunkt, denn Lucile Boulanger hatte ebenfalls ein modernes Stück des französischen Komponisten Philippe Hersant im Programm. Seine Suite »L’ombre d’un doute« (Schatten eines Zweifels) bezieht sich auf die Orpheus-Sage, gab sich dabei mit Schatteneffekten (mit dem Holz des Bogens erzeugt) und Harfenklängen (gezupft) ebenso dem Thema wie der Gambe hin, wie sie zusätzlich neue Klänge einfügte, ohne Brüche entstehen zu lassen. Auch, weil die Gambistin über ein feines Händchen verfügt, einen sinnigen, kantablen und ausdrucksreichen Ton ebenso leicht hervorbringt wie sie Akzente sauber einzufügen weiß. Zum Abschluß durfte man noch einmal neu hören, denn Lucile Boulanger spielte auf ihrem Instrument das Prélude der G-Dur-Suite (eigentlich für Violoncello) Johann Sebastian Bachs.

9. Oktober 2020, Wolfram Quellmalz

CD-Empfehlung: Lucile Boulanger „Les Defis de Monsieur Forqueray„, mit Pierre Gallon (Cembalo), Claire Gautrot (Viola da Gamba) und Romain Falik (Theorbe), Musik von Corelli, Leclair und anderen (erschienen bei Harmonia Mundi). Eine neue CD mit Sonaten (Carl Friedrich Abel) ist in Vorbereitung.

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