Primzahlen über Dresden

PATRICK HOFMANN »NAGEL IM HIMMEL«

Primzahlen sind ein mathematisches Phänomen oder Mysterium. Der rätselhafte Ishango-Knochen zum Beispiel, dessen Alter auf 20000 Jahre geschätzt wird, enthält drei Reihen mit Einkerbungen, darunter eine Spalte mit Primzahlen. Auch wenn die Deutung dieses Artefakts nicht sicher ist – Primzahlen werden spätestens seit der Antike untersucht und haben eine wissenschaftliche Bedeutung bekommen. Neben mathematischen Theorien gibt es heute eine ganz praktische Anwendung bei Verfahren zur Verschlüsselung von Daten.

Oliver Seuß ist ein hochbegabter Schüler, ein junges Genie, das nicht nur zur Mathematik-Olympiade fährt, sondern zu nationalen und internationalen Wettbewerben. Neunzehnhundertfünfundneunzig schafft er es bis nach Toronto zur IMO (Internationale Mathematik-Olympiade). Dort fällt der fünfzehnjährige mit einer brillanten Lösung einer Aufgabe auf, die selbst manche Professoren nicht innerhalb der Zeitvorgabe lösen konnten. Allerdings wird er dennoch weder Erster, Zweiter oder Dritter, denn Oliver Seuß hat die richtigen Lösungen zweier anderen Aufgaben aus Laxheit (oder Arroganz) kurzerhand durchgestrichen (weshalb sie nicht gewertet wurden) und mit »zu einfach« kommentiert.

Leseprobe:

Auf dem Weg zur Toilette steuerte er durch die Gruppe, die über Superstringtheorien und die Konsequenzen diskutierte, welche minimale Erweiterungen für das teilchenphysikalische Standardmodell hatten. Vor ihm plötzlich die Kastanienfrau. Sie trug eine schwarze Stoffhose und eine rote Bluse. Er runzelte die Stirn. Ina lächelte ihn an und verteidigte die Supersymmetrie kosmologisch.

Soziale Konventionen liegen schon dem Schüler nicht, auch später ist sein Leben von Alkoholproblemen, Kontaktschwierigkeiten und einer Weltfremdheit gekennzeichnet, die manchmal belustigend, manchmal erschreckend ist. Oliver wuchs ohne Mutter und bei einem Vater auf, der anderes im Sinn hatte, als sich um den Sohn zu kümmern. Entsprechend verstümmelt ist seine Seele.

Nur auf Veras Seite ein SS-Mann, der spät aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte und nicht alt geworden war. Was der davor getan hatte, erfuhr Oliver nicht. Diese Leute wussten, wie sie sich anstellten, mitmachten, die Schnauze hielten, durch- und davonkamen. Harald war in den fünfziger Jahren in die Einheitspartei eingetreten und ein kleiner Funktionär geworden. Seine Kinder ließ er außen vor, die mussten sich nicht großartig bekennen. Schlucken und arrrrrrbeiten. Das konnten sie. Niemals unten. Immer auf den Wagen klettern und sich festhalten. Niemals höhergestiegen. Ausgestattet mit einem bodenständigen Instinkt, der sie Politik wie das Wetter und die Jahreszeiten als etwas sehen ließ, was vorbeigeht und sich wiederholt.

Die Frage, wer seine Mutter ist und die Welt der Verwandten – vollkommen entgegengesetzt von dem, was Oliver aus Schule und Internat kennt – sorgen für ein Spannungsfeld, welches das Kind, der Jugendliche nicht auflösen kann. Noch als erwachsener Mann, als Wissenschaftler, gelingt es ihm nur mühsam und schrittweise, zu ergründen, wer er eigentlich, welcher sein Platz in der Welt ist.

Oliver deckte sich mit Vorräten ein: Dosen, Büchsen, H-Milch, Butter, Schwarzbrot, Kartoffeln, Nudeln, Tomatensaft, Zwiebeln, Pfeffer, Salz, Schinken, Hartkäse, Tee, Kaffee, Alkohol. Mit Toilettenpapier, Seife, Kerzen, Waschmittel, Müllbeutel. Und Katzenfutter, Katzenstreu. Die Wohnung sah aus wie ein Bunker. Es war aber keine Katastrophe irgendwo draußen, auf die er sich vorbereiten wollte. Sondern eine Belagerung, zu der er sich anschickte.

Daß Patrick Hofmann seine Protagonisten teilweise im breitesten Sächsisch reden läßt, ist eigentlich nicht unbedingt notwendig und wirkt zunächst eher abstoßend, nach vielen Seiten jedoch trägt es zur Figurenzeichnung bei, bekommt man Verständnis für manchen Lebenslauf. Dann wieder entstehen ganz natürlich Momente nah am Leben, wie in einem Familienalbum, wenn sich zum Beispiel Olivers Vater, schwer erkrankt mittlerweile, dem Sohn noch einmal zu nähern versucht.

Eine unruhige Nacht. Tür auf und zu. Leute rein, raus. Irgendwann, ziemlich früh schon, zischelte es an der Tür. Ein Paar, er besänftigend, sie entrüstet. Er kriegte sie aber doch ins schmale Bett. Was sich darin abspielte, setzte Oliver nicht wenig in Erstaunen. Diese Spinnenwesen hoben, senkten, drückten, umschlangen sich nicht bloß, sondern mussten auch das Doppelstockbett zusammenhalten, dass nichts quietschte, ächzte, knarzte, geschweige denn irgendwer stöhnte.

Dresden, immer wieder geht es nach Dresden, denn an der Technischen Universität studiert der in Borna geborene Oliver Seuß. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der TU versucht er später, die »Riemannsche Vermutung« (eine bis heute nicht bewiesene Hypothese über die Verteilung von Primzahlen) zu knacken. Ohne daß Patrick Hofmann ein regionales Buch geschrieben hat, ist die Landeshauptstadt ein zentraler Ort, findet man viele Plätze (manchmal auch in Leipzig) wieder. Einige allerdings, wie die »Bachstube«, sind (leider) nur erdacht.

April 2020, Wolfram Quellmalz

Nagel im Himmel von Patrick Hofmann

Patrick Hofmann »Nagel im Himmel«, Roman, Penguin, fester Einband, Schutzumschlag, 304 Seiten, 22,- €, auch als e-Book (19,99)

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