Im Vollbildmodus näher dran

Weihnachtskonzert der Palastkonzerte fand virtuell statt

Am Sonnabend hätte eines der von den Dresdner Musikfestspielen gestalteten Palastkonzerte stattfinden sollen. Zwar nicht mit Weihnachtsmusik, aber mit besonders festlicher, italienischer bzw. von Komponisten, die in Italien gewesen waren und den Stil kennengelernt hatten. Daß es nicht gänzlich abgesagt werden mußte, dafür ist nicht nur jenes Publikum dankbar, das sich pünktlich 20:00 Uhr vor dem online-Bildschirm versammelte und mit einer virtuellen Eintrittskarte den Raum von Dreamstage betreten hatte, sondern auch die Musiker des Dresdner Festspielorchesters selbst. Jan Vogler, an diesem Abend Initiator und Solist, dankte seinen Partnern, vor allem Frauke Roth und ihrem Team, die den Auftritt im Dresdner Kulturpalast überhaupt ermöglichten, sowie dem Sponsor Volkswagen, der seit 2009 die DMF unterstützt und zur Finanzierung auch dieses Konzertes beigetragen hatte.

Und es war ein festliches, glanzvolles Konzert, mit Musik von Antonio Vivaldi, Nicola Porpora, Johann Friedrich Fasch und Johann David Heinichen. Doch der Abend begann mit der dreiteiligen Sinfonia aus Johann Adolph Hasses »Artaserse«. Der mit einer italienischen Opernsängerin verheiratete Dresdner Hofkapellmeister hatte für seine Oper ein Libretto Pietro Metastasios vertont – alle Wege führten damals nach Italien oder kamen von da. Hasses Cellokonzert D-Dur ist von der Neapolitanischen Schule (der Komponist war für einen Studienaufenthalt in Neapel gewesen) beeinflußt, verbindet den eleganten, grazilen Stil der Sonate mit dem konzertanten. Für Jan Vogler war es eine Rückkehr – vor dreizehn Jahren hatte er das wunderschöne Stück schon einmal mit dem Münchner Kammerorchester unter Reinhard Goebel aufgenommen, damals freilich noch mit modernem Instrumentarium und Stahlsaiten.

Seither ist viel passiert, hat sich Vogler mit Bach beschäftigt und weiß spätestens seit dem Album »Concerti di Venezia« mit dem La Folia Barockorchester und Robin Peter Müller die Farben und Wärme von Darmsaiten und alter Stimmung zu schätzen – am Sonnabend stimmte das Orchester den Kammerton a auf 415 Hz, deutlich tiefer als bei einem Sinfonieorchester.

Ohne Dirigenten, aber unter der Leitung von Konzertmeisterin Chouchane Siranossian gab es auch zwei der Perlen aus dem Venedig-Album: Nicola Porporas Konzert für Violoncello, Streicher und Basso Continuo und Antonio Vivaldis Double Concerto RV 547. Um die virtuelle Barriere zu brechen, gab es Moderationen, die am treffendsten gelangen, wenn die Musiker miteinander sprachen. Wie in diesem Fall, als Jan Vogler und Chouchane Siranossian darum »stritten«, ob Vivaldi nun ein Cellokonzert mit obligater Violine oder ein Violinkonzert mit obligatem Cello geschrieben habe. Die Violine dürfe immer beginnen, »klagte« Jan Vogler, dafür habe er, konterte Siranossian, schließlich das letzte Wort und beendete die Diskussion mit einem Vergleich: es sei wie in der Liebe – die Frau habe immer recht. Recht war es, dieses herrliche Stück, eines der ersten echten Doppelkonzerte, ins Programm zu nehmen. Vivaldi übertraf darin mit Effekt und Emphase viele seiner eigenen Werke noch einmal.

Der Venezianer hatte auch zahlreiche Flötenkonzerte geschrieben, für jenes C-Dur (RV 443) wechselte Anna Fusek aus der Gruppe der zweiten Violinen nach vorn. Fusek ist gleich dreifach »belastet« – neben der Violine hat sie zudem einen Abschluß in den Fächern Klavier und Flöte. Letztere beherrscht sie virtuos und ließ Vivaldis Vogelgezwitscher strömen. Die Kamera kam ihr dabei so nahe wie sonst nicht einmal die Besucher in der ersten Reihe – wenigstens virtuell wurde die Distance aufgehoben. Freilich hofft man, die Virtuosin alsbald an einem anderen Ort, vielleicht der Frauenkirche, mit diesem Stück noch einmal zu hören.

Oboisten und vor allem Hornisten waren schon mit der Sinfonia von Johann David Heinichens Serenata di Moritzburg funkelnd hervorgetreten. Mit einem Konzert Johann Friedrich Faschs durften sie sich noch einmal glänzend präsentieren – Faschs Werke gehören zu den festlichsten überhaupt und stehen Händels Wasser- oder Feuerwerksmusik in nichts nach.

Daß die Musiker, die nur ihren eigenen, gegenseitigen Applaus hören konnten, jenen des Publikums voraussetzten und aus Heinichens Serenata »La chasse« zugaben, war mehr als angemessen.

13. Dezember 2020, Wolfram Quellmalz

Das nächste Palastkonzert ist für den 2. März 2021 geplant. Kent Nagano soll dann mit dem Orchestre symphonique de Montréal Musik von Charles Ives, Johannes Brahms‘ und Camille Saint-Saëns spielen. Neben einem Klavier (Denis Matsuev) wird dann hoffentlich auch die Eule-Orgel des Kulturpalastes (Olivier Latry) erklingen. Wer nicht warten mag, kann Werke und Protagonisten des Palastkonzertes auf CD nachhören.

Münchner Kammerorchester, Reinhard Goebel (Leitung), Jan Vogler (Violoncello): »Concerti brillanti«, Werke von Carl Philipp Emanuel Bach, Friedrich Hartmann Graf, Johann Adolph Hasse und Johann Michael Haydn

La Folia Barockorchester, Robin Peter Müller (Leitung) Jan Vogler (Violoncello): »Concerti di Venezia«, mit Musik von Allessandro Marcello, Antonio Caldara, Antonio Vivaldi, Nicola Porpora und Antonio Vandini

Dresdner Festspielorchester, Ivor Bolton (Leitung), Jan Vogler (Violoncello): Schumann, Cellokonzert und zweite Sinfonie (alle erschienen bei Sony)

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s