Das Cello auf einem Höhepunkt

Musik von Giuseppe Tartini und Antonio Vandini

Giuseppe Tartini und Ludwig van Beethoven haben sich nur um wenige Monate verpaßt: der eine (Tartini) starb im Februar 1770, der andere (Beethoven) wurde im Dezember desselben Jahres geboren. Tartini war nicht nur ein phantastischer Musiker und Komponist, er war eine illustre Erscheinung im Musikleben des 18. Jahrhunderts. Bekannt, ja berühmt war er vor allem als Violinist. Er begeisterte seine Zeitgenossen vor allem mit seinem Spiel, schuf aber auch ein umfangreiches Œuvre für sein Instrument – zwischen 130 und 150 Concerti per violino zählen die Musikwissenschaftler heute, dazu an die 200 (!) Sonaten. Im Vergleich fällt sein Werkkatalog für andere Instrumente schmal aus – ein paar Flötenkonzerte, eines für Trompete und Orchester sowie zwei für ein tiefes Streichinstrument, Streicher und Basso continuo zählt der Katalog.

Doch was ist ein »tiefes Streichinstrument«? Ein Violoncello? Ein Violone? Ein Violoncello piccolo? Bei letzterem ist die Überlieferung bis heute nicht restlos geklärt – was war es denn nun, das »kleine Cello«? Man kennt es auch als Violoncello da braccia oder Viola pomposa, wobei hier bereits Unterschiede bestehen (können) hinsichtlich Größe und Spielweise (an der Schulter oder zwischen den Knien). Im allgemeinen versteht man heute ein fünfsaitiges Instrument darunter jedoch … Selbst Johann Sebastian Bach, der in einigen Kantaten ein Violoncello piccolo vorschreibt, hilft hier nicht (viel) weiter.

Doch wofür all die Fachsimpelei, wenn man hören kann – Mario Brunello und Riccardo Doni erschließen auf ihrer CD »Giuseppe Tartini« dem Musikfreund gleich drei der Sonaten Tartinis sowie – mit der Accademia dell´Annunciata – zwei Cellokonzerte. Zwei der Sonaten stammen aus der Sammlung Ledenburg, wobei die eine (g-Moll) ursprünglich für Violine geschrieben ist. Die Sammlung enthält jedoch auch Werke, die auf einer Viola da Gamba zu spielen sind, unter anderem von Telemann und Abel, weshalb die Transkription nicht »weitab« liegt – der helle Klang von Mario Brunellos Cellos fügt sich sehr schön. (Übrigens ist es ein viersaitiges Violoncello, ein 2017 fertiggestelltes Instrument nach einer Vorlage aus der Werkstatt von Antonio und Girolamo Amati.)

Weit weniger bekannt als Tartini ist der Cellist Antonio Vandini (obwohl gerade in den letzten Jahren einige wunderschöne Konzerte wieder auf CD erschienen sind). Tartini hat die beiden auf der Aufnahme enthaltenen Cellokonzerte wohl für seinen Freund geschrieben, führt die Musikwissenschaftlerin Margherita Canale im Beiheft aus. Mit Vandini wiederum beginnt auch die Aufnahme. Sein Concerto in D gehört mittlerweile zu den bekannteren Stücken der Barockliteratur (auch wenn vielleicht nicht jeder sofort auf den Urheber schließen kann). Mit seinem frohgemuten Charakter ist es eine gute Eröffnung, Mario Brunello läßt sein Instrument wunderbar klingen und zeigt – das »tiefe Streichinstrument« ist eben nur eine relative Angabe. Brunello macht unmißverständlich deutlich, daß es im Tenor singt. Ebenso berückend ist die Begleitung durch Riccardo Doni, der einerseits ein filigranes Cembalo spielt, die Accademia dell´Annunciata wiederum gefällt im Wechselspiel eines feinen Basso continuo und eines körperreichen Streichorchesters. Elisa La Marca eröffnet einen dunklen zweiten Satz auf der Theorbe – Vandini kontrastiert hier zwar deutlich zwischen hohen und tiefen Lagen, doch gelingt dies der Accademia dell´Annunciata ohne unangenehme Schärfe.

Die folgenden Sonaten profitieren von dieser Orchesterkultur und wohl auch vom Aufnahmeort, der Chiesa di San Bernardino in der Gemeinde Abbiategrasso nahe Mailand. Der Raumhall tut den ruhigen, warmen Farben der Instrumente gut, ohne sie akustisch aufzublähen oder zu bremsen, Riccardo Doni beweist ein glückliches Händchen bei der Wahl der Tempi. Wenn dann im dritten Satz der ersten Sonate (g-Moll) die Saiten kräftig angerissen werden, sorgt das um so mehr für Effekt! Trotzdem bleibt die Aufnahme klar und »übersichtlich« bis hin zur Barockgitarre.

Waren die beiden Sonaten schon weit entfernt von einer schlichten Sonatenform mit Violine und Klavierbegleitung, so wird die Sonata a quattro richtig konzertant, schon fast sinfonisch – hier nun schweigt das solistische Violoncello piccolo einmal.

Mit den beiden Cellokonzerten gibt es sogleich die nächste Steigerung. Ob in Farben oder Kontrast – Tartini, der vor allem in Padua wirkte und hier eine Musikschule gründete, brachte nicht nur die Gattung der Violinliteratur zur Blüte. Mario Brunello und die Accademia dell´Annunciata brillieren in stimmungsvollem, vielfarbigen Stücken. Mit dem Concerto in D nahm der Komponist die traditionelle Form der Kirchensonate auf, doch klingt dies kein bißchen »althergebracht« Im Gegenteil gelingt Mario Brunello, Riccardo Doni und der Accademia dell´Annunciata noch einmal eine Steigerung. Nicht zuletzt, weil sich nun zwei Hörner zu den Streichern gesellen. Bevor diese aber in bester Parforce-Manier das Finale des Werkes bereiten, dürfen Solist und Orchester noch einmal gravitätisch schreiten.

Für einen sonnigen Abschluß sorgt ein Concertone – die Bearbeitung einer Violinsonate Giuseppe Tartinis durch dessen Schüler Giulio Meneghini, der sich hier erfolgreich in der Form des Concerto grosso (= Concertone) übte.

25. März 2021, Wolfram Quellmalz

Mario Brunello (Violoncello piccolo), Riccardo Doni (Cembalo und Leitung), Accademia dell´Annunciata: »Giuseppe TartiniConcerti e Sonate per Violoncello piccolo«, Konzerte und Sonaten von Giuseppe Tartini, Antonio Vandini und Giulio Meneghini, erschienen bei Arcana

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