Wo soll ich fliehen hin?

MittwochsMusik in der Lukaskirche

Den Titel der Bachkantate »Wo soll ich fliehen hin« kann man derzeit auch ganz anders im Kopf haben. Die einen flüchten vor wirtschaftlichen oder militärischen Krisenherden, den anderen fällt zu Hause die sprichwörtliche Decke auf den Kopf und sie wollen raus, irgendwohin, wo man Luft bekommt und die Gedanken befreien kann – da ist es schön, wenn man dem mit einem Spaziergang, etwas Kultur gar, abhelfen kann. Die Andachten der MittwochsMusiken in der Dresdner Lukaskirche sind ein ausgezeichnetes Ablenkungs- und Ausgleichsmittel.

Das Geistliche Wort fügte Pfarrer i. R. Gerhardt Uhle diesmal gleich in seine Werkbesprechung ein, als er den Hintergrund von BWV 5 erhellte und auf den Ursprung und auf Autoren von Text, Choral und Musik aufmerksam machte. Somit war auch klar, weshalb das für einen anderen Anlaß geschriebene Werk, das aber inhaltlich zum Beispiel auf das Abendmahl eingeht,  doch zur Passionszeit paßte.

Für die Aufführung der Kantate standen Nicolle Cassel (Sopran), Julia Böhme (Alt), Jonas Finger (Tenor) sowie Cornelius Uhle (Baß) zur Verfügung, weiterhin Musiker der Dresdner Kapellsolisten (Leitung: Helmut Branny). Diese waren den aktuellen Bestimmungen folgend einen Kompromiß eingegangen und hatten die beiden Oboen durch zwei Violinen ersetzt, welche die Soli spielten. Solch Pragmatismus lag dabei gar nicht fern – Kirchenmusiker, nicht nur für Johann Sebastian Bach, waren und sind oft darauf angewiesen, um Musik zu ermöglichen. Immerhin blieb die Trompete (Helmut Fuchs) in der Besetzung erhalten, auf deren Bedeutung, Wirkung und Stimmwandlung Gerhardt Uhle hingewiesen hatte – einmal spielt sie fast im Continuo, begleitet Sänger, dann wiederum läßt sie ihren Jubel strahlen und tritt deutlich hervor.

Die instrumentale Wiedergabe gelang trotz großer Abstände im Altarraum exzellent, homogen ausgewogen und in der Farbigkeit berückend. Effekte blieben fein eingebettet und traten nicht übermäßig hervor, Jubel und Freude bewahrten vor allem den Trost, in dem ein wesentlicher Gedanke der Kantate bzw. der Duktus der meisten Strophen liegt.

Auch die Gestaltung des Sängerquartetts sorgte für ein »Hand-in-Hand« der Stimmen, was der geschlossene Form der Aufführung ausgesprochen guttat. Neben Nicolle Cassels glitzerndem Sopran trugen gerade die tieferen Stimmen (stehen sie symbolisch auch für die »Bodenständigkeit«?) zum Charakter bei. Cornelius Uhle sorgte für dramatischen Wandel und Betonung, Julia Böhmes Alt kann mit großer Wärme schmeicheln, verliert dabei aber weder Konturen noch Verständlichkeit.

25. März 2021, Wolfram Quellmalz

Die nächste MittwochsMusik in der Lukaskirche findet bereits in der kommenden Woche statt. Dann wird es »Christus, der uns selig macht« lauten, wozu neben einer Barockvioline (Adela Drechsel) ein kleines Gambenconsort und eine Truhenorgel erwartet werden. Weitere Informationen zu den musikalischen Andachten unter: http://www.lukaskirche-dresden.de

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