Licht und Sonne

Vespern in der Moritzburger Schloßkapelle haben begonnen

Musik, Kultur, braucht der Mensch wie ein Orangen- oder Zitronenbaum die Sonne. Wo immer sich die Möglichkeit zu einem Zugang eröffnet, wird das Angebot erfreut angenommen. Viele Konzertveranstalter reagieren mit zweimal aufgeführten Programmen auf die Nachfrage. In der Schloßkapelle Moritzburg finden die Vespern sogar dreimal statt. Wer auf die zweite oder dritte Aufführung ausweichen mußte oder konnte, erlebte somit jene Besucher, die vorab schon drinnen waren – sie alle kamen beglückt heraus, schwärmten von der phantastischen Musik.

Drei Musikalische Andachten am Pfingstmontagnachmittag – das erfordert einen gut organisierten Ablauf. Geistliches Wort und Musik durften nur eine halbe Stunde lang sein, dazwischen hieß es lüften und das Publikum »auszutauschen«. Doch nicht nur die Begegnung mit den »Vorhörern« stimmte ein: Mark Nordstrand von der Open CHAMBER Berlin phantasierte schon vorab über traditionelle englische Themen auf einer Nyckelharpa. Der Cembalist hat sich in den letzten Monaten viel mit dem traditionellen Instrument, bei dem die Saiten gestrichen, aber nicht mit den Fingern, sondern über Tasten abgegriffen werden, beschäftigt. Zwar ist der heute gebräuchliche Name Nyckelharpa schwedisch, seit dem Mittelalter war es aber in vielen Regionen Europas bekannt, sicherlich auch in der Musikmetropole London. Hier wirkte John Playford, der uns weniger als Komponist denn als Verleger in Erinnerung ist. Seine Sammlung »The Englisch Dancing Master« bereichert Konzerte bis heute mit einer Fülle von Originalität. »Oranges and Lemons« ist ein Synonym für Playfords Sammlung, in welcher der Verleger viele traditionelle Melodien, vor allem Tänze, aufgezeichnet und arrangiert hat. Catherine Aglibut (Violine), Martin Ripper (Blockflöten) und Mark Nordstrand boten eine kleine Auswahl daraus mit erfrischender Spielfreude und einem sehr belebenden, tänzerischen Schwung. Einen Basso continuo wie wir ihn gewohnt sind, gab es dabei nicht, vielmehr mischten und stritten sich Violine und (wahlweise) Sopran- oder Altblockflöte um eine Vorherrschaft, wofür das kleine Cembalo einen beweglichen Grund schuf. Gerade die hohe Flöte traf einen heiteren, frohen Ton, dem die Violine ebenso folgen konnte wie sie später dem lieblichen Gesang der Altflöte als Duopartnerin ebenbürtig war – »Orangen und Limonen« versprechen schließlich auch Süßes.

Selbst Pater Johannes Jeran kam nicht umhin, den Titel vor seinem Geistlichen Wort aufzugreifen und erinnerte zunächst an eine Reise ins Heilige Land, wo ihn schon in Tel Aviv der Duft von Zitronenblüten empfing.

Nach Goethe ist das Land, wo die Zitronen blühen, Italien. Musik von italienischen Komponisten gab es im zweiten Teil der Vesper zu hören. Maurizio Cazzatis und Dario Castellos Sonate erwiesen sich als nicht weniger lebendig und lieblich im Vergleich mit den englischen Dance Tunes, zeugten aber von einer artifizielleren Musikauffassung. Weniger volkstümlich, dafür kunstvoll und virtuos ausgeziert bot die Sonata sesta »La Giralda« Gelegenheit für Violine und Flöte zu improvisieren. Marco Uccelinis »Sonata sopra la Bergamasqua« gehört längst zu den Klassikern des Repertoires und war ein zünftiger »Rausschmeißer«, wie so oft mit einem musikalischen (Zungen-)Nachschlag der Flöte.

25. Mai 2021, Wolfram Quellmalz

Zur nächsten Vesper in der Schloßkapelle Moritzburg am 6. Juni wird Musik von Johann Sebastian Bach (mit Gerlinde Sämann / Sopran und einem Oboenquartett) erklingen.

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