»Klänge haben einen Kontext«

Gesprächskonzert mit Helmut Lachenmann zur Wiedereröffnung der Musikhochschule

Plötzlich ging es einmal anders herum: statt kurzfristiger Absagen, die das Kulturleben lahmlegen, durften die als Stream angekündigten Gesprächskonzerte mit Helmut Lachenmann und dem Arditti Quartett ab Freitagabend wieder vor Publikum stattfinden. Einem kleinen zwar, aber immerhin. Wer schnell reagieren konnte und getestet war, durfte wieder einmal in den Konzertsaal der Musikhochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden – endlich!

Nur drei Werke standen auf dem Programm, das damit aber keineswegs »klein« war, denn »Consolation II« für Chor a cappella, »Pression« für Violoncello solo sowie »Mouvement (vor der Erstarrung)« für Kammerorchester geben bereits einen erstaunlichen Einblick in drei Gattungen aus Lachenmanns Œuvre. Dazwischen sprach Jörn Peter Hiekel mit dem Komponisten, der beschrieb, was Klang für ihn bedeute, wie er ihn erst elementar erfahre, dann neu parametriere, buchstabiere, variiere – hervorbringe. Die Tage in Dresden erfreuten ihn zutiefst – an einer Hochschule, an der die Studenten so mitarbeiteten, hätte er gerne studiert. Selbst wenn man dabei berücksichtigt, daß Lachenmanns Studium in »andere Zeiten« fiel, bleibt da viel Anerkennung übrig.

Musik ist Ton ist Klang ist Geräusch – diese Zerlegung ist für Helmut Lachenmann eine Form der Annäherung, die ihn bis dahin (ver)führt, daß er ein Instrument als Gerät, als Maschine auffaßt. Mit der menschlichen Stimme hingegen sei dies nicht möglich, denn ein Sänger stünde immer mit seiner ganzen Persönlichkeit hinter dieser Stimme, sei im Ganzen an der Hervorbringung eines Tones beteiligt. Das schließt aber nicht aus, die Konsonanten eines Textes tonal, in Geräusche zu zerlegen, sie flattern, schnarren, ja – schnarchen zu lassen.

Worüber im Gespräch theoretisiert wurde, konnte man vorher und nachher hören. Für das Publikum im Konzertsaal der Hochschule war es eine nahbare Erfahrung, die sich erhöhte, weil Olaf Katzer mit seinem Vokalensemble AuditivVokal »Consolation II« (Trost II) am Ende noch einmal wiederholte und die Eindrücke vertiefte. Die in zwei Halbkreisen weit auf der Bühne verteilten Sänger sorgten für eine effektvolle, räumliche Entfaltung. Klang, der sich aus Bausteinen zusammenfügt, Anstöße, Impulse dazwischen verdeutlicht. Großartig war die Spannkraft, die dem Werk innewohnte.

Zwar lassen sich elementare Bezüge, Methoden und Vorgehen des Komponisten auch in »Mouvement« finden, dennoch ist das Werk – unabhängig von der Besetzung – vollkommen anders. Nicht der räumliche Klang und seine Entfaltung stehen im Mittelpunkt, sondern eine von Impulsen angeregte Beweglichkeit. Während sich zunächst instrumentale Soli »anstoßen« und erregen, wie eine Flipper-Kugel, die von Station zu Station springt, fällt, prallt oder (beinahe) ausrollt, erfuhr der Klang hier eine Metamorphose, steigerte sich bald in ein Vielfaches, als würden Klangelemente jetzt polyphon kombiniert. Nicolas Kuhn sorgte dafür, daß diese Kombinatorik erst mit der Stille nach dem Schluß einen Stillstand fand.

Zwischen diesen beiden Stücken hatte Anna Skladannaya in »Pression« für Violoncello solo die elementare Kraft ihres Instrumentes erforscht. Der Titel (»Druck«) rührt aus der Physik her (oder Geologie? Psychologie?), daher wird auch der Klang nicht aus einer melodischen Idee, sondern der Aktion zwischen Bogen und Cello (Bogendruck und Bewegung sorgen für Reibung) geboren. Anna Skladannaya fand in »Pression« viele Facetten oder Varianten der Hervorbringung, um es mit Lachenmann zu sagen.

Die Reihe der Gesprächskonzerte mit dem Komponisten wurde über das Wochenende fortgesetzt. Morgen, 18:30 Uhr, findet der Workshop mit einem weiteren seinen Abschluß. Dann wird das Arditti Quartett (bereits am Sonntag in Aktion) acht Uraufführungen von Studenten der Dresdner Musikhochschule spielen. Auch an diesem Konzert darf ein begrenztes Publikum aus getesteten Personen teilnehmen (Eintritt frei, Anmeldung erforderlich).

22. Mai 2021, Wolfram Quellmalz

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