Villa Vivaldi

CD-Empfehlung mit Vivaldi plus Scheibe plus Eggert

Nicht nur Bücher (wie jene in Heft 40 vorgestellten von Julian Barnes / Seite 15, Willem Bruls / Seite 39 und über Wagners »Prachtgemäuer« / Seite 38), auch CDs können wandeln. Musik kann wie ein Besuch zu Gedankenreisen einladen oder imaginierte Räume entstehen lassen. Elisabeth Champollion und ihr junges Ensemble Volcania führen uns durch eine Villa im Veneto. Der Hausherr – Antonio Vivaldi – ist allgegenwärtig.

Zunächst geht es durch den Garten, ein Pagodengang führt zum Haus, und wenn man zwischen den Ranken, Stauden und Zitronenbäumen hervortritt, sieht man einen Palazzo im funkelnden Licht, das aus märchenhaften Lüstern von bezauberndem Muranoglas strömt (tatsächlich findet man zum Stück von Mark Scheibe einen [möglichen!] Szenenablauf im Beiheft) …

So zumindest mag es scheinen, wenn man Mark Scheibes überaus charmante Introduktion »Villa Vivaldi« hört, eines von zwei modernen Stücken auf der CD. Es spielt mit venezianischer Vitalität, dabei erinnert die Barockgitarre an die Mandoline des Gondoliere, bevor Elisabeth Champollion auf der Blockflöte den Zuhörer betört. Liebliches, Virtuoses und faszinierender Vogelgesang – hören wir ihn noch draußen oder sind wir schon drinnen in Vivaldis Villa und vernehmen die lieblichen Töne durch die weit offenstehenden Fenster?

Verve, Farbe und Brillanz kennzeichnen die Musik Vivaldis und die Interpretation des Ensembles Volcania, aber es ist nicht das allein. Denn alle drei Attribute könnten ebenso für Energie, Tonalität und Perfektion stehen – kalt und leblos. Diese CD sprüht jedoch vor Leben! Und das liegt absolut auch an den zeitgenössischen Kompositionen, welche – die Aufnahme rahmend – nicht beigefügtes Extra oder Horsd’ œuvre sind, sondern gleichberechtigte Musik, Mark Scheibe und Moritz Eggert treffen Vivaldi sozusagen auf Augenhöhe.

Der Barockmeister steht zwischen ihnen mit drei Konzerten im Mittelpunkt, einem für die hohe (Block-)Flöte C-Dur (RV 443), einem für Violine, Streicher und Basso continuo (A-Dur / RV 343) sowie dem Concerto »La notte« (RV 439). Daniel Sepec übernimmt dabei die Rolle des Gastsolisten mit Violine, Konzertmeisterin des Ensembles ist Franciska Anna Hajdu. Verliebt schmachten können übrigens alle Concerti herrlich, die Largi wirken mit der auch im Basso continuo besetzten Gitarre (dem klassischen Begleitinstrument für verliebte Sänger) um so verführerischer.

In »La notte« beschwört Vivaldi unter anderem fantasmi (Geister) und il sonno (den Schlaf), Moritz Eggert hat eine Suite aus Emotionen geschaffen, die sich in sechs Sätzen der Freude, der Trauer, dem Haß, der Liebe, dem Verlangen und der Bewunderung zuwendet – Gefühle unterschiedlicher Tiefe und moralischer Ebene. Gleichwohl, könnte man denken, bringen die Gäste der Villa Vivaldi einander solche Gefühle entgegen – oder? Eggerts joie ist voller Leichtigkeit und Spielfreude, seine tristesse ist charmant wie Venedig im Regen, während haine impulsiv, eruptiv und leidenschaftlich vorgetragen wird. Amour besänftigt die Gemüter schließlich, betört, verzaubert, verführt aber auch die Sinne, während desire einen leichten Beigeschmack frivoler Genüsse, gar eines Rausches hat. Und admiration? Sie erwächst aus der Stille, mit der man diesen Palazzo verzückt betrachtet – »Villa Vivaldi« ist ein Hörgenuß und ein überzeugendes Konzeptalbum gleichermaßen!

Juni 2021, Wolfram Quellmalz

Elisabeth Champollion (Blockflöte und Leitung), Daniel Sepec (Violine), Ensemble Volcania: »Villa Vivaldi«, mit Werken von Mark Scheibe, Moritz Eggert und Antonio Vivaldi, erschienen bei Perfect Noise

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