Beethoven – Schnittpunkt 3

Sinfonietta und Solisten im Konzertsaal der Musikhochschule

Daß die Pause langsam vorüber ist, erkennt man mittlerweile nicht nur daran, daß es überhaupt wieder Kultur zu erleben gibt, sondern an der Vielfalt die zurückkehrt. Orchesterwerke, lange Abende – sogar mit Pause (draußen) – nun ist es wieder möglich. Wenn im Rahmen eines Konzertes Werke einer bislang wenig bekannten oder beachteten Komponistin erklingen, dazu ein modernes Werk und eine Uraufführung, spricht man gemeinhin von Repertoireerweiterungen. Für das Orchester der Sinfonietta Dresden und ihre Projekte ist solches jedoch der Standard. Am Freitag setzte sie ihre 2019 begonnene Reihe Beethoven | Schnittpunkte im Konzertsaal der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden fort. Die Schnittpunkte sollen Beethoven ins Verhältnis setzen, Konvergenzen aufzeigen und Hörgewohnheiten hinterfragen.

Diesmal kreuzten sich Beethovens Wege mit denen zweier unserer Zeitgenossen und dem Amalie von Sachsens. Die Schwester der späteren Könige Friedrich August II. und Johann nahm Unterricht bei einigen Kirchen-Compositeuren und Hofkapellmeistern, wie Joseph Schuster. Der hatte mit seinem Werk bereits auf dem Programm der Sinfonietta gestanden – noch ein Schnittpunkt also. Amalie war nicht nur begabt, sie wurde zudem geschätzt. Carl Maria von Weber äußerte sich nicht nur wohlwollend über ihre Werke, er brachte mehrere zur Aufführung. Im Konzert erklangen die Ouvertüren zu zwei ihrer Opern – »Elisa ed Ernesto« sowie »La fedeltà alla prava«. Beide zeigen deutlich eine italienische Prägung (worauf die Komponistin ihren Fokus gerichtet hatte), erinnern in manchem gar an Amalies Zeitgenossen Rossini. Yixuan Wang (Klasse Prof. Leißner) ließ ein freudiges Kolorit leuchten – man darf vermuten, daß »Elisa ed Ernesto« glücklich enden würde – derweil sie im Zeitmaß mit Ausnahme des Schlusses doch sehr gleichmäßig blieb. Sungjin Kim (Klasse Prof. Leißner / Prof. Klemm) sorgte in der zweiten Ouvertüre mit flexibleren Tempi für deutlich mehr Spannung.

Zwischen diesen Werken hatte Juri Kravtes (Klasse Prof. Leißner) »Drei Zeilen nach Anton Tschechow« von Vladimir Rannev geleitet. Er kennt Dirigenten und das Werk aus der Entstehungszeit und hatte sichtlich keine Mühe, das Stimmungsbild zu entfachen. Die verteilten Soli der kleinen Besetzung und der von Sopranistin Anna Palimina vorgetragene Text suggerierten einen veränderlichen Schwebezustand, Einsamkeit, einen ephemeren Geist. Da der Text Silbe für Silbe mit Klang gesprochen wird, ist er an sich nicht einfach zu verfolgen (war aber im Programmheft nachzulesen), dennoch stellte sich ein Steppenbild, wie von Tschechow beschrieben, unwillkürlich ein.

In der Unbestimmtheit, der Flüchtigkeit, war die Uraufführung »Am Rande des Spiegels« von Daniel Muñoz Osorio ähnlich veranlagt, eröffnete mit dem ganzen Orchester jedoch ganz andere Dimensionen. Der Komponist hatte sich bei Beethoven »bedient«, das Material aber verändert und variiert – wie in einem Spiegel, der bricht, zerrt, verfremdet. Somit entstand weniger ein konkreter Verlauf (auch wenn sich mit einem Mal ein Beethovenklang ganz offensichtlich zeigte), sondern unsichere Zwischenzustände. Genau denen hatte Daniel Muñoz Osorio nachspüren wollen, und Olaf Georgi, der Flötist des Orchesters, hatte im Vorgespräch seine Erfahrung beigesteuert: er habe auf der Flöte zum Beispiel einen Triller aus cis und dis zu spielen, was wegen der Bedienung der Klappen mit dem kleinen Finger schwierig sei. Doch die einfachere Kombination cisd verfehle die Wirkung. Tim Fluch (Klasse Prof. Leißner / Prof. Klemm) arbeitete die vielen Spiegelfacetten mit bemerkenswerter Plastizität heraus.

So wie sich zwei Parallelen im Unendlichen treffen, treffen die Schnittpunkte auf Beethoven. Dessen drittes Klavierkonzert leitete Prof. Steffen Leißner selbst, Solistin war Ryohong Ahn. Sie überraschte mit zugespitztem Auftakt und steigerte sich in kräftige, fast harte Akkorde – hier hätte man sich mehr Emotionalität und gestaltete Kontraste gewünscht. Die Pianistin verfügt aber über ein weites Spektrum dynamischer Abstufungen, die sie in Gegenüberstellungen, Wiederholungen und Kadenzen differenziert einbrachte.

19. Juni 2021, Wolfram Quellmalz

Das Konzert wurde am Sonntag in Görlitz wiederholt, und auch in den kommenden Wochen setzt die Sinfonietta Dresden einen regen Konzertbetrieb fort. Termine und Informationen unter: https://www.sinfonietta-dresden.de/termine/

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