Ausbruchsversuche

Markus Poschner und Emmanuel Tjeknavorian bei der Dresdner Philharmonie

Im vergangenen Jahr mußte der Auftritt von Emmanuel Tjeknavorian im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele abgesagt werden, nun kam der frühere Gewinner des Szymon-Goldberg-Wettbewerbes an die Elbe zurück und feierte sein Debut bei der Dresdner Philharmonie im Kulturpalast. Im musikalischen Gepäck hatte er Max Bruchs erstes Violinkonzert, eines der beim Publikum besonders geschätzten Stücke. Vielleicht hätte er mit dem ursprünglich geplanten Stück (Violinkonzert Nr. 1 von Karol Szymanowski) oder gar mit dem Violinkonzert seines Vaters Loris noch mehr Eindruck gemacht?

Auf jeden Fall nahm er das »Schmankerl«, das dem Komponisten selbst übergeworden war, mit Fingerspitzengefühl, mit körperreichem, aber nicht »dicken« Vibrato vor allem im zweiten Satz, zeigte eine leichte Sprödigkeit der Singstimme – nicht nur »Süßes«. Markus Poschner, unter den Ersten Gastdirigenten der Philharmonie in den letzten Jahren vielleicht jener mit der größten »Nachhaltigkeit«, ließ das Orchester dem Solisten nicht allein folgen, sondern arbeitete mit Rubati und dynamischen Akzenten Beziehungen heraus. Die kurze Kadenz oder Überleitung des Solisten im ersten Satz fiel nach der leuchtkräftigen Betonung der Bläser zuvor um so wirkungskräftiger aus.

Die Zugabe nach dem schwärmerischen Konzert war dennoch nachdenklich und bedächtig – Emmanuel Tjeknavorian widmete das Largo aus einer Telemann-Phantasie Nr. 7 (TWV 40:20) einem kürzlich verstorbenen Lehrer.

Anton Bruckner hat über zwanzig Sinfonien erdacht, zumindest, wenn man alle Fassungen, Varianten und Konzeptentwürfe zählt. Allerdings verzählt man sich dabei recht schnell, nicht zuletzt, weil Werkbezüge in Briefstellen mißverständlich sind. Eine Umarbeitung wie mit anderen Sinfonien, die in bis zu vier Fassungen erhalten sind, blieb jener d-Moll, die ursprünglich an zweiter Stelle entstand (und im Autograph mit einer 2 in Klammern versehen war) erspart. Allerdings zog sie der Komponist später zurück – aus der annullierten wurde schließlich die »Nullte«.

Glücklicherweise blieb sie erhalten und lag am Sonntag auf den Pulten der Dresdner Philharmonie. Warum Bruckner das Stück zurückzog, bleibt letztlich nicht restlos geklärt. Vielleicht ist sie noch ein wenig zerklüfteter als andere, gibt Themenbezüge nicht so offenherzig preis, indes zeigt sie dem Zuhörer einen echten Bruckner auf der Suche nach seinem Weg. Bei der Dresdner Philharmonie durfte sie burschikos tönen, fast jugendlich auflodern – Markus Poschner gestaltete Anstiege aber kraftvoll und mit Blick auf den Gipfel, was zeigte, daß hier mehr als musikalische Protzerei dahintersteckt. Gerade das Allegro profitierte von Poschners dynamischem Gestaltungswillen, das Andante, im Verhältnis schlanker, hatte kaum weniger Kontrast, der zwischen Solooboe (Johannes Pfeiffer) und Streicherchor entstand, von den Blechbläsern übernommen wurde.

Ob die Sinfonie Bruckners Aufbruch, einen Versuch markiert? Hier und da schimmert eine Wagner-Harmonie hindurch, vor allem aber wartet sie mit fulminanten Steigerungen auf, die Markus Poschner fließend gestaltete und mit Posaunen und Hörnern (Gast: Sarah Ennouhi) polierte.

28. Juni 2021, Wolfram Quellmalz

Schon am kommenden Sonnabend gibt es das nächste Sinfoniekonzert. Die Dresdner Philharmonie spielt mit Lionel Bringuier (Dirigent) und Kirill Gerstein (Klavier) Johannes Brahms‘ zweites Klavierkonzert und Albert Roussels Orchestersuite »Le Festin de l’araignée«. Achtung! Bitte denken Sie bei Ihrem Besuch an Ihren Negativnachweis (Impfpaß oder Test)!

CD-Tip: Emmanuel Tjeknavorian (Violine), hr-Sinfonieorchester, Pablo Gonzáles (Leitung), »Violin Concertos«, Violinkonzerte von Loris Tjeknavorian und Jean Sibelius sowie Komitas Vardapet »Krunk«, erschienen bei Berlin Classics

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