Nachholen mit kompletter Umstellung

Kammerabend der Sächsischen Staatskapelle

Eigentlich sollte es der achte sein, »8. Kammerabend« stand auch auf dem Programmheft, allerdings hat gut die Hälfte dieser Abende gar nicht stattfinden können. Doch die Musiker der Sächsischen Staatskapelle Dresden zeigten sich flexibel, gewohnt flexibel, muß man sagen, denn noch bis vor kurzem wurden die genauen Programme der Kammerabende nicht schon zum Beginn der Spielzeit bekanntgegeben, sondern später festgelegt. Insofern war niemand überrascht, als das Programm nicht (ganz) dem entsprach, was vor einem Jahr im Spielzeitplan gestanden hatte.

Ein Werk blieb allerdings, Johannes Brahms‘ Klarinettenquintett Opus 115, die Stücke davor waren dagegen ersetzt worden. Statt der Ausflüge zu Purcell, Corelli, Lupo und Speer (die hoffentlich nachgeholt werden [können]) wurden zwei Werke noch einmal aufgegriffen, die schon im Rahmen des Radiokonzertes in Hellerau (23. April, mdr KULTUR) gespielt worden waren: Franco Donatonis »Lem« für Kontrabaß solo sowie Giuseppe Sinopolis »Klangfarben« für Streichquintett. Nicht Pragmatismus stand bei dieser Planung Pate, sondern eine gute Idee, nämlich die, Musik, die es wert ist, gehört zu werden, noch einmal »richtig« aufzuführen. Außerdem wurde damit noch einmal der ehemalige Kapellchef und aktuelle (posthume) Capell-Compositeur gewürdigt.

In der Tat war es eine gute Idee, denn sowohl »Lem« als auch »Klangfarben« entwickeln vor einem Publikum natürlich eine andere Atmosphäre, als wenn sie nur im Radio gehört werden. So bekamen die beiden Stücke etwas Unmittelbares, Räumliches, waren selbstverständlicher, leichter oder besser nachzuvollziehen.

Andreas Ehelebe entlockte die Impulse von »Lem« seinem Instrument mit großer Behendigkeit. Die beiden Sätze entwickeln teilweise eine Dualität oder Zweisprachigkeit zwischen Oberstimme und Baß, wechseln wenig später zu einer ausgeprägten Rhythmik. Zwischendrin überraschte der Kontrabaß im Flageolett mit Tönen, die man auch einem Alphorn zuschreiben könnte.

Giuseppe Sinopoli hatte sein Streichquintett nicht symmetrisch mit zwei Violen oder zwei Celli besetzt, sondern dem Streichquartett einen Kontrabaß hinzugefügt. Mit dieser vermeintlichen musikalischen Unwucht öffnet er einen Experimentierraum, erlaubt vielleicht noch expressivere Farben und größere Umschwünge als in den traditionellen Besetzungen. Das Fritz Busch Quartett (mit Tibor Gyenge, diesmal Primarius, und Federico Kasik / Violinen, Michael Horwath / Viola sowie Titus Maack / Violoncello) und Andreas Ehelebe machten im Konzert noch deutlicher spürbar als in der Aufzeichnung, daß Klangfarben eben (auch) nicht nur von Harmonik und Stimmung getragen werden, sondern in Dramaturgie, Verlauf und Struktur eng verknüpft sind. Gleich nach den Anfangsakkorden zeigte sich eine Dynamik, die einer Expansion entsprach, darauf folgte eine Verlangsamung. Farbigkeit und Flächigkeit schienen mit spielerischen Mitteln (Tremoli, Flageoletts) immer mehr aufzusplittern – die Klangfarben vervielfältigten sich wie beim Blick in ein Prisma. Und doch erschienen sie nicht »optisch kühl«, sondern wurden emotional präsentiert. Alle Sätze des Werkes vermeiden übrigens einen definitiven Schlußpunkt, Giuseppe Sinopoli ließ sie in sich öffnenden Akkorden ausklingen – eine Wiederentdeckung!

Mit Johannes Brahms‘ Klarinettenquintett (Fritz Busch Quartett und Robert Oberaigner) gab es in der zweiten Hälfte Kammermusik allererster Güte zu erleben, was sich auf Werk wie Interpretation gleichermaßen bezieht. Es ist so schön, einerseits solche Stücke wieder zu hören, andererseits die Gewißheit zu haben, daß sich die Musiker nach wie vor auf einem erstklassigen Niveau begegnen können, das nicht Effekt braucht und »großen Auftritt«, sondern zum inneren Kern, zum Herzen der Musik vordringt. Brahms‘ Quintett geriet ungemein geschmeidig; wunderbar, einfach großartig war, wie sich die Klarinette in das Streichquartett fügte, wie nicht nur Intonation, sondern Atem, Idiomatik und Artikulation eins wurden! Und wie schön, daß dabei die Leidenschaft nicht ausblieb, wenn Robert Oberaigner den Ton seines Instrumentes in die Nähe des Gesangs, einer Altistin, rückte. Selbst jetzt, wenn die Klarinette solistisch herausgehoben war, blieb die Verbindung mit den Streichern, die unmittelbar reagierten, in ihren Stimmen Antworten auf die Klarinette zu haben schienen, enggeschlossen.

2. Juli 2021, Wolfram Quellmalz

Am Montag wird die Reihe der Kammermusiken der Sächsischen Staatskapelle Dresden mit dem vierten Aufführungsabend abgeschlossen. Unter der Leitung von Dominik Beykirch werden dann Ludwig van Beethovens Overtüre zum Schauspiel »Egmont«, Alexander Arutiunians Violinkonzert (Solist: Robert Lis) sowie Peter Tschaikowskis Suite Nr. 1 erklingen. Mehr unter: http://www.staatskapelle-dresden.de

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