Zeitreisen

Junges Sinfonieorchester nach der Pause wieder im Kulturpalast

Nicht nur die permanenten Klangkörper, auch die nichtprofessionellen, temporären oder projektbezogenen konnten in den letzten Monaten nicht arbeiten. Das Junge Sinfonieorchester Dresden ist für Profis noch zu jung, Amateure sind es aber ganz bestimmt nicht, auch treffen sich die Schülerinnen und Schüler des Sächsischen Landesgymnasiums für Musik (eigentlich) regelmäßig, viel öfter und intensiver als Projektorchester. Eine Pause wie zuletzt bedeutet für sie einen tiefen Einschnitt, schließlich gibt es bei ihnen keine Konstanz der Besetzung wie in Sinfonieorchestern – Abiturienten verlassen den Klangkörper, neue Jahrgänge kommen hinzu, mit jedem Schuljahr gibt es einen Wandel.

Am Dienstag durfte und konnte sich das JSD endlich nicht nur wieder zeigen, sondern von sich hören lassen. Im Dresdner Kulturpalast gaben sie ihr erstes Konzert nach der Wiederöffnung. Und das spannte gleich eine Brücke vom französischen Barock bis ins Zwanzigste Jahrhundert. Das JSD wendet sich auch speziellen Stilrichtungen und Genres zu, und so spielten die Musiker (mit Ausnahme der Cellisten natürlich) in kleiner Formation stehend Jean-Philippe Rameaus Ouvertüre zu »Les Indes galante« sowie »Entrée de Polymnie« aus »Les Boréades«. Polymnie ist eine Muse, die in Rameaus Oper zwar nicht handelnd eingreift, aber die Handelnden (bzw. den Helden Abaris) positiv beeinflußt und so zum glücklichen Ende überleitet. Dirigent Filip Paluchowski arbeitete den Wechsel von Streichern und einzelnen Bläsersoli (Flöte, Oboe und Fagott) mit leichter Hand heraus. Zum französischen Kolorit gehört neben der Leichtigkeit eben eine Eleganz, die einen weiten Bogen faßt. »Entrée de Polymnie«, in angemessenem Tempo »serviert«, offenbarte hingebungsvolle Seufzer der Violinen. Mit der Wahl entsprechender Tempi sollte Filip Paluchowski noch mehrfach für Gelassenheit sorgen.

Der Zeitsprung zu Maurice Ravel wurde dadurch verknappt, daß sich dieser auf seine Vorfahren bezogen hatte. »Le tombeau de Couperin« (nun im Sitzen gespielt) ist nichts weniger als eine Verneigung vor den alten Meistern, freilich wuchs das JSD nun um Klarinetten, Hörner und Harfe. Die Bläser begannen die Erinnerung an Couperin mit einem irisierenden Klang, die Streicher formulierten das Wogen gleich einer großen, sanften Meereswelle – auch in Ravels Tanzsätzen im Alten Stil blieb dem Orchester die Eleganz erhalten.

Und sie konnte sich sogar noch steigern, denn mit Gast Paul Garnier (Violoncello) gab es jetzt einen Höhepunkt. Für seinen Auftritt wählte er den (eleganten) Mittelsatz aus Camille Saint-Saëns‘ erstem Cellokonzert. Daß sich der junge Cellist für seinen Auftritt nicht für einen virtuoseren entschieden hatte, mit dem er noch mehr hätte beeindrucken können, spricht für sein Selbstvertrauen und seine Selbsteinschätzung. Paul Garnier begeistere mit seiner Sicherheit und Mühelosigkeit, mit einem betörend schönen Celloton, der sanglich, elegant und tragfähig, aber auch wandlungsfähig war und nie »dick« wurde. Wie schade, daß er nicht das ganze Konzert präsentieren konnte! Ob man sich den Namen des Schülers von Norbert Anger bereits merken sollte, oder ist es dafür noch zu früh? Merken ist sicher besser, sonst verpassen wir noch seinen nächsten Auftritt.

Nach so viel französischer Gediegenheit und Farbpracht gab es mit Kurt Weills zweiter Sinfonie eine Kursänderung. Nicht Melancholie, Trauer ist dem Werk eingepflanzt, auch ein Marschrhythmus, der (mit Blechbläsern und Solotrompete) für leicht martialische Klänge sorgt. Und doch bietet auch Weill Eleganz, überraschte das JSD mit einem Orgeleffekt, den Weill mit den Bläsern im ersten Satz erreicht. Hoffen wir auf weitere Überraschungen im neuen Schuljahr!

30. Juni 2021, Wolfram Quellmalz

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