Auf der Jagd

Jakub Hrůša feiert eindrucksvolles Debut bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Das letzte Sinfoniekonzert der Spielzeit durfte ohne Programmänderung stattfinden, wenn man vom Auslassen der Pause einmal absieht. Noch schöner wäre diese Normalität, wenn auch in der Semperoper die Zahl der zulässigen Sitzplätze erhöht würde. Hoffen wir auf den September …

Am Sonntagvormittag mußte niemand mehr hoffen. Mit Jakub Hrůša feierte ein Dirigent seinen Einstand, der weltweit nicht nur für Aufsehen, sondern vor allem für Aufhorchen sorgt. Die Tatsache, daß der gebürtige Tscheche Werke zweier Landsleute mitbrachte, ließ vorab vielleicht auf einen heimatverbundenen Ansatz oder eine Spezialisierung slawischer Werke vermuten. Wichtiger war: Hrůša bewies ein dezidiert sinfonisches Verständnis.

Das erste Stück war kein tschechisches oder böhmisches, sondern das eines deutsch-belgisch-französischen Komponisten: César Franck. Mit »Le Chasseur maudit« (Der wilde Jäger) eröffnete Jakub Hrůša nicht nur ein thematisches Feld, er führte dem Publikum vor, daß Sinfonische Dichtungen nicht nur mit ihrer Bildhaftigkeit einnehmen, sondern oft reizvollste Stimmungen (selbst wenn diese negativ konnotiert sein mögen) erzeugen – es scheint eine vernachlässigte Gattung.

Nachlässigkeit ließ sich indes am Sonntagmorgen weder beim Dirigenten noch bei der Sächsischen Staatskapelle wahrnehmen. Jagdatmosphäre entsteht nicht allein mit einer Hornfanfahre, sie wurde durch die ganze Gruppe und die zweiten Violinen angetrieben. Sogleich entfaltete sich im Orchester ein sanftes Wogen, fernab Glocken – Franck spricht keine direkte Bildhaftigkeit an, sondern malt ein komplexes Stimmungsgefüge, in dem sich – fein verwoben – verschiedenste Pinselstiche finden ließen. Die Hatz des gnadenlosen Jägers steigerte sich immer weiter – eindrucksvoll, wie sich plötzlich eine Zäsur einstellte, als er selbst gerichtet wurde. Das Gottesurteil verheißt dem Jäger nichts Gutes, »Le Chasseur maudit« endet in tragischem Licht. Jakub Hrůša faßte auch dies in einen konturierten, ausgeprägten und begeisternden Bilderglanz.

Mit Joshua Bell kehrte dann ein Stargeiger nach langer Zeit in die Semperoper zurück. Er zeigte sich in Antonín Dvořáks Violinkonzert von einer ganz ernsthaften Seite, frei jedes Gehabes. Vom Blatt spielend (ja, ist gestattet!) kostete er den lyrischen Ton Dvořáks aus, in den Ecksätzen mit Verve, sehr, sehr romantisch und bewegt im Andante ma non troppo. Wie schade, daß er trotz innigen Bittens keine Zugabe spielte (oder nicht durfte?)!

Das Orchester mit Federico Kasik am Konzertmeisterpult bot weit mehr als nur einen Gegenpart zum Solisten. Im Kontrast von Soli und Tutti fanden sich zahlreiche Anspielungen, Spiegelungen, wie von der Oboe (Rafael Sousa), die Joshua Bell antwortete.

Solcher raffinierten Fügungen fanden sich in Leoš Janáčeks Orchester-Rhapsodie »Taras Bulba« noch mehr. Auch hier ging es um Liebe und Tod, nicht im Sinne einer Jagd allerdings, sondern in den Folgen einer Schlacht. Die Stimmen von Englischhorn, Flöten und Klarinette hatten etwas zutiefst Menschliches, Liebendes. Doch schon über der sehnsüchtigen Erinnerung des Anfangs lagen Dissonanzen des Unheils – am Ende wird Taras Bulbas Tod prophezeit. Da mochte die Harfe noch so munter perlen – die Streichergruppe ging bereits melodisch treppab. Im Miteinander und den prickelnden Gegensätzen, etwa von Streichern und Schlagwerken, lag nicht nur das Schwarz-weiß des Gegenübers, sondern stets ein verbindlicher Gesamtklang, eben sinfonischer Gehalt. Mit solch energetischem Strom und exquisiter Bildzeichnung ließ Jakub Hrůša jede Frage nach Landsmannschaft vergessen, es war einfach großartige Musik – heute abend noch einmal.

11. Juli 2021, Wolfram Quellmalz

Das Konzert wurde aufgezeichnet und soll zu einem späteren Zeitpunkt auf mdr Kultur gesendet werden.

Jakub Hrůša arbeitet mit seinem Orchester, den Bamberger Symphonikern, derzeit an einem vielbeachteten Zyklus der Sinfonien von Antonin Dvořák und Johannes Brahms (erscheint bei Tudor).

Volume 1 und 2 der Gesamtaufnahme der Bamberger Symphoniker

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