Große Künstler im (scheinbar) kleinen Kreis

Art d’Echo beehren Alte Musik im Kunstgewerbemuseum

Der Ort und die Konzerte sind seit langem etwas für Liebhaber (keineswegs nur für Spezialisten): viermal im Jahr gibt es Alte Musik im Bergpalais des Schlosses Pillnitz nahe Dresden. Dabei erklingen vornehmlich Instrumente aus dem Bestand des Museums, einem Bestand, der einerseits durch immer neue Zugewinne wächst (NMB berichteten), andererseits durch die hohe Qualität der Exponate ausgezeichnet wird. In der Reihe von Streich-, Blas- und Tasteninstrumenten (sowie weiterer) fällt das großartige Cembalo von Heinrich Gräbner (1739) besonders auf. Zumindest einmal per anno muß es erklingen.

Am Sonnabend brachten die drei Musiker jedoch eigene Instrumente mit: Katharina Litschig (Violoncello) und Magnus Andersson (Laute und Barockgitarre) gruppierten sich um Initiatorin Juliane Laake (Viola da Gambe) als Art d’Echo. Das Ensemble tritt in unterschiedlichen Besetzungen auf und schafft spezielle, vertiefte Bezüge, wofür es schon mehrfach ausgezeichnet wurde. Zuletzt erhielt es eine Nominierung für einen Opus Klassik 2021.

Das Konzert gab sich ohne überzogene Preis-Attitude und Galaglamour ganz dem hin, worum es geht: der Musik. Und die kann kaum sanglicher, sinnlicher und einfühlsam sein als in einer kleinen Kammerbesetzung, welche noch dazu in den Stimmen vergangener Epochen schwelgt, diesen jedoch nicht nachtrauert oder sie nostalgisch verklärt, sondern zum Leben erweckt, ganz im Heute und Jetzt. »Das Duell« spielte im Programmtitel auf einen Wechsel der Instrumentierung hin, als das Violoncello im 17. Jahrhundert begann, die Gambe zu verdrängen. Der Prozeß dauerte schließlich – ähnlich wie bei Cembalo und Pianoforte – viele Jahrzehnte, fast ein Jahrhundert, denn wirklich »besser« (oder fortschrittlicher) war das Cello im Grunde nicht. Es hatte eigene Qualitäten (Vorteile?), einen eigenen Charakter, ergo konnte es jene der Gambe weder ersetzen noch übertrumpfen. Vielmehr ergab sich die Verdrängung allmählich durch einen Wandel – in den Konzertsälen, die größer wurden, im Geschmack, in den Werken. Denn nicht alles, was für Viola da Gamba geschrieben wurde, läßt sich ohne weiteres aufs Cello übertragen (geschweige denn, daß es immer passen oder gefallen würde).

Und so war das »Duell« (natürlich) keines, vielmehr eine Gegenüberstellung, die Juliane Laake und Katharina Litschig partnerschaftlich gelang. Nicht der Wettstreit, die Wiederentdeckung stand im Mittelpunkt, von Komponisten wie Robert de Visée, Jean-Baptiste Barrière oder Louis Heudelinne. Und sie förderte manches zutage und machte aufmerksam, daß sich die Musikgeschichte keineswegs klar und einfach nach Schulen oder (Landes)moden einteilen läßt. So überraschte Michel Correttes Sonate, die zwar formal zwei Mittelsätze nach französischer Mode (Aria I und II)aufweist, im ganzen jedoch der modernen italienischen Sonatenform folgte (was schon wieder falsch ist, denn es gab schließlich noch keinen Nationalstaat Italien), wie sie der Venezianer Vivaldi geprägt hatte und somit einem Zwitter aus Sonate und Suite gleicht.

Statt »Wettstreit« gab es fast eineinhalb Stunden geist- und mußenreicher Musik, von fast vergessenen Meistern bis zum unübertroffenen Marin Marais. Gambe und Cello ergänzten sich nicht nur königinnenlich, sie kokettierten kaum weniger miteinander. Allerdings wurde auch deutlich, weshalb sich das Violoncello letztlich durchsetzte: es vermag die schöne elegante Gambe mit seiner Dominanz zu verdrängen, ohne dabei an Sanglichkeit einzubüßen.

Daß auch die Laute ein famoses Instrument ist, bewies Magnus Andersson, der sie mal mit der notwendigen Eleganz »schlug« (zupfte), dann perkussive Schärfe hervorbrachte. In einer Chaconne spielte er die klangliche Vielseitigkeit seines Instruments spielend aus.

26. September 2021, Wolfram Quellmalz

Aktuelle CD vom Ensemble Art d‘Echo »Englishman in Tyrol«, mit Musik von William Young, Viola da Gamba: Juliane Laake, erschienen bei Querstand

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