Frisch wie vor 100 Jahren

Neue Musik Paul Aron auf Semper Zwei

Die Musik des vor 135 Jahren in Dresden geborenen Paul Aron erklang in den letzten Jahren immer wieder in der Stadt. Vieles wurde im Rahmen von Konzerten auf Semper Zwei mit Musikern der Sächsischen Staatskapelle und Sängern der Sächsischen Staatsoper aufgeführt oder in der Synagoge. Am Donnerstag lud die Staatsoper erneut zu einem Abend im Namen von Paul Aron auf Semper Zwei. Es war mittlerweile einer von vielen ähnlichen in den letzten Jahren, die unter Mitwirkung der Musikwissenschaftlerin Dr. Agata Schindler stattgefunden haben und das Verdienst ihr eigen nennen dürfen, zahlreiche Werke Paul Arons, wie sein gesamtes Liedschaffen, uraufgeführt zu haben – Jahrzehnte nach seinem Tod.

Das eigene Werk des Pianisten, Dirigenten und Komponisten war und ist in der Tat noch wenig bekannt, dabei war Aron zu Lebzeiten hoch geschätzt. Vor einhundert Jahren begann die »Neue Musik Paul Aron«, eine privat organisierte Konzertreihe, die sich ausschließlich der zeitgenössischen Musik widmete. Zwar gibt es Aussagen des Initiators, in denen er sich von der Größe des (Dresdner) Publikums bzw. dessen Zuspruch und Aufgeschlossenheit enttäuscht zeigte, doch darf das nicht über den Erfolg der – weltweit einzigartigen – Reihe täuschen. In mehr als 50 Abenden wurden über 200 Werke aufgeführt, viele davon erstmalig in Deutschland, nicht wenige als Uraufführung. Daß Paul Aron geschätzt wurde, zeigen die damaligen Programmzettel, auf denen ganz selbstverständlich Stücke von Kurt Weill, Arnold Schönberg oder Paul Hindemith standen. Zu vielen, wie dem Kollegen und Bratschisten Hindemith, hatte Paul Aron ein enges Verhältnis, Max Reger schätzte und unterstützte ihn ebenso.

Insofern war das fast retrospektive Konzert auf Semper Zwei nicht nur ein Beitrag zur Veranstaltungsreihe »Umanut weChaim – Kunst und Leben« im Rahmen von »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«, sondern eine willkommene Wiederbegegnung mit hochinteressanter Musik. Justyna Ołów, Menna Cazel und Mateusz Hoedt interpretierten sieben der Lieder Paul Arons nach Texten von William Butler Yeats, Hermann Hesse und Christian Morgenstern, worin sich »düstere« Themen wie Herbst, Lebensabend und Tod spiegelten, jedoch oft doppelbödig mit jüdischem Humor aufgehellt, den Aron in Gesangs- und Klavierstimme (Johannes Wulff-Woesten) eingefangen hatte. Gerade Justyna Ołów und Menna Cazel konnten sich in samtene Farben schmiegen und bis in expressive Stimmungen steigern. Menna Cazel überbot dies noch im Chanson-Couplet »Sei zu jedem liebenswürdig« aus Mischa Spolianskys »Wie werde ich reich und glücklich?« Es war ein Erfolgsstück und wurde in den Dreißiger Jahren über 40 Mal in Dresden gegeben – bis Paul Aron gezwungen war, ins Exil zu gehen.

Über Teplitz-Schönau, Prag und Kuba führte ihn sein Weg schließlich in die USA, wo Paul Aron 1955 mit gerade 69 Jahren verstarb. Dort, inmitten vieler Exilanten, die auf dem gleichen Markt ein Auskommen suchten, mußte er sich neu orientieren. Seinen Schöpfergeist bremste dies offenbar nicht im geringsten, so setzte sich Paul Aron weiterhin für zeitgenössische Musik ein und übersetzte Werktexte.

Von der Vielseitigkeit seiner Musik sprachen auch die Klavierstücke Blue Arabesque, Chimes und Berceuse. Sie reichten, vor allem Berceuse und noch mehr Chimes, bis in impressionistische Regionen, während Johannes Wulff-Woesten und Lukas Stepp (Violine) bei Louis Gruenberg und Wilhelm Grosz mit jazzigen Titeln flexibel zwischen fetzigen, rhythmusbetonten Klängen und zarten Kantilenen balancierten. Ähnliche Einflüsse, die nur für seine Aufgeschlossenheit und Neugier sprechen, verrieten Paul Arons Lieder, denen Johannes Wulff-Woesten ganz am Schluß noch einen Boogy Woogy folgen ließ.

Bianca Heitzer und Johann Casimir Eule führten durch den Abend und lasen Texte der krankheitsbedingt verhinderten Dr. Agata Schindler. Leider waren Mikrophone und Sprechen nicht gut aufeinander abgestimmt, so daß es manchem schwerfiel, ihnen zu folgen. Lohnend waren die Texte, die um Projektionen von Briefen, Programmzetteln und anderen Dokumenten ergänzt wurden, auf jeden Fall.

24. September 2021, Wolfram Quellmalz

Die Reihe »Umanut weChaim – Kunst und Leben« wird in der Semperoper, in der Neuen Jüdischen Synagoge und im Programmkino Ost fortgesetzt. Nächster Termin ist »Assimilationen«, ein Abend mit Liedern von Felix Mendelssohn, Gustav Mahler, Giacomo Meyerbeer und anderen (17. Oktober, 20:00 Uhr, Semperoper). Internet: http://www.semperoper.de/umanut-wechaim.html

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