Übergreifende Musizierstunde

1. Kammerabend der Sächsischen Staatskapelle

Zum Auftakt der unter dem Namen des Tonkünstler-Vereins zu Dresden veranstalteten Kammermusik gab es gestern in der Semperoper Stücke aus unterschiedlichen Epochen zu hören. Dabei waren – wie so oft – musizierende Gäste eingeladen. Zudem war es eine Gelegenheit, vom üblichen Instrumentarium der Kapelle einmal abzuweichen. Denn letztlich sind die »alten Instrumente«, die man sonst im Sinfoniekonzert hört, wenn auch seit annähernd einhundert Jahren unverändert, noch recht modern.

Mit Andreas Hecker war ein ausgewiesener Experte für historische Tasteninstrumente dabei. Diesmal allerdings nicht mit einem Cembalo, sondern mit einem Hammerflügel. Kapellmitglied Bernhard Kury (Stellvertretender Soloflötist) wiederum hatte seine Böhmflöte gegen eine Traversflöte getauscht. Und so erklangen die Quartette für Flöte, Viola, Violoncello und Klavier a-Moll (Wq 93) und D-Dur (Wq 94) von Carl Philipp Emanuel Bach ein wenig, als würden sie am Preußischen Hof gespielt. Bach war zur Zeit, da er sie (vermutlich auf einen Auftrag aus Berlin hin) schrieb, allerdings bereits zwanzig Jahre Musikdirektor und Kantor am Johanneum sowie an den fünf Hauptkirchen in Hamburg. Dennoch darf man die Kompositionen noch im Zusammenhang mit der Anstellung bei Friedrich II. sehen. In dieser Zeit hatte sich Carl Philipp Emanuel stark mit dem neuen Hammerklavier – übrigens soll es zu Bachs Amtszeiten am Preußischen Hof allein 14 Instrumente aus der Werkstatt Gottfried Silbermann gegeben haben – auseinandergesetzt und eine ganze Sammlung von Sonaten für Kenner und Liebhaber angelegt.

Die beiden äußerst luftigen Werke (das a-Moll-Stück beginnt gar mit einem Andantino) schwebten mit einer Leichtigkeit im Raum, die im großen Saal der Semperoper fast flüchtig wirkte. Neben Flügel und Flöte trat immer wieder die Viola (Marie-Annick Caron) gesanglich hervor – ob Carl Philipp Emmanuel, Friedrich und Johann Joachim Quantz einst in der Art miteinander musiziert haben?

Anders als bei programmatisch komponierten Sinfoniekonzerten gibt es im Kammerabend manchmal erhebliche Wechsel in Charakter oder Färbung. Krzysztof Pendereckis Duo concertante für Violine (Robert Lis) und Kontrabaß (Andreas Ehelebe) jedenfalls bedeutete nach dem galanten Einstieg einen enormen Spannungsanstieg. Schostakowitsch traf Paganini, schien es, denn in dem kurzen wie kurzweiligen Stück durchsteigen beide Stimmen erhebliche Klangräume mit Virtuosität und Gestaltungskraft. Die Spannung lag gerade in den Impulsen, die sich beide Spieler – vom ersten Akkord an – gegenseitig gaben. Den Begriff Concertante hatte der Komponist trotz nur zweier Beteiligter völlig zu Recht verwendet.

Mit Gioachino Rossinis Sonata a quattro Nr. 3 C-Dur für zwei Violinen, Violoncello und Kontrabaß und Tibor Gyenge (Violine), Robert Lis, Simon Kalbhenn (Violoncello, zuvor schon als ad-libitum-Baß bei Carl Philipp Emanuel Bach) und Andreas Ehelebe gab es vor der Pause ein heiteres, leichtes Stück aus der Jugendzeit des Komponisten, das im Stil einer Ouvertüre öffnete. Andreas Ehelebe sorgte für den tänzerisch-rhythmischen Elan und konnte virtuos à la Bottesini überzeugen, ohne daß ihm die Eleganz abhanden kam.

Mit Antonín Dvořáks Klavierquintett A-Dur Opus 81 war für ein großes, böhmisches Finale und einen neuerlichen Spannungsanstieg gesorgt. Zu Tibor Gyenge, Robert Lis und Simon Kalbhenn gesellten sich nun Anya Dambeck (Viola) von der Kapelle sowie als weiterer Gast Dariya Hrynkiv (Klavier). Das Stück verband Elemente der Sonate mit einer Romanze und überschäumender Spiellust (wie bei Dvořáks Freund Brahms) schon im ersten Satz. Die Romanze, welche vom Cello über die wunderbare Viola Anya Dambecks bis zu den Violinen wogte, sorgte für eine weite, große, freie Linie – solch feine Darbietungen sind schlicht delikat! Die Beherztheit, mit der das Quintett agierte überzeugte wiederum und schloß auch den Bogen des Musizierens.

1. Oktober 2021, Wolfram Quellmalz

Schon am Montag (4. Oktober, 20:00 Uhr) gibt es den 1. Aufführungsabend der Sächsischen Staatskapelle. Weiter Informationen unter: https://www.staatskapelle-dresden.de/konzerte/konzertkalender/

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