Durch den Raum

Neues Klaviertrio Dresden widmet zweites Fokus-Konzert Nikolaus Brass

Im vergangenen Jahr stellte das Neue Klaviertrio Dresden in seinem Fokus-Konzert 1 den Komponisten Stefan Streich mit zwei Werken (davon eine Uraufführung) in den Mittelpunkt. Nun gibt es mit Nikolaus Brass eine Fortsetzung. Im Konzert gestern (Projekttheater Dresden) standen zwei Trios des Komponisten drei Werke Morton Feldmanns gegenüber. Vorab gab es die Möglichkeit, sich den Werken und ihrem Komponisten im Gespräch zu nähern.

In Trio (1987 / 91) fokussiert Brass seinerseits. Ziel sei es, musikalische Momente (hier wohl ebenso »den« wie »das« Moment), welche ein »jetzt noch – dann nicht mehr« kennzeichnen, festzuhalten. Statt eines Motivs, Themas oder Verlaufs geht es um grundlegende Strukturen und deren Zusammenhalt (oder die Auflösung dessen). Der Beginn mit Drei- und Vierklängen oder einfachen Akkorden, von den drei Spielern des Neuen Klaviertrios Dresden (Uta-Maria Lempert / Violine, Matthias Lorenz / Violoncello und Clemens Hund-Göschel / Klavier) einzeln vorgetragen, definierte insofern grundlegende Intervalle, die jedoch nicht separat standen, sondern schon hier in den Zusammenhang der Zeit als Maß gestellt wurden. Somit ergab sich bereits ein Gefühl von Spannung und räumlicher Weite. Mit der Häufung von Intervallen und Sequenzen, die nun im Trio gleichzeitig folgten, wurde diese Spannung noch erhöht, das Gefühl der Räumlichkeit wurde quasi in der Beschreibung eines Klangraums konkret, welcher sich durch Kippfiguren und dynamische Sequenzen zunehmend beweglicher gestaltete.

Obwohl (oder weil) ein Verlauf nicht vordergründig als Narrativ oder Struktur wahrnehmbar blieb, ergaben sich bei der Wiederkehr von Sequenzen neue Momente. Vorrübergehend kam Nikolaus Brass‘ Trio zu einem spannungsvollen Stillstand (so wie eine Ruhe beschrieben werden kann, die nicht aus nichts besteht). Im zweiten Teil, das auch kadenzartige Soli enthält, nahmen die dynamischen Partikel noch einmal zu, bevor sich das Trio in einem schwebenden (der / das) Moment im einen Ton in der Nähe von g verharrte.

Auch das Klaviertrio Nr. II von Nikolaus Brass ist in zwei Teile gegliedert. Ähnlich dem (vereinfacht) »Jetzt« und »danach« aus dem Trio entsprechen sie (in dieser Reihenfolge) einem »Nachher« und »Vorher«. Wobei diese Begriffe weniger als Zeitwert oder Methode, denn als Assoziation  aufzufassen sind. Und so assoziierte die erste Sequenz des Violoncellos beim Rezensenten Joseph Haydn (= vorher?), was jedoch sogleich aufgehoben wurde. Bezüge setzt der Komponist nicht allein durch musikalische Metaphern, sondern durch konkrete Textpassagen aus dem Roman »Die Sanduhr« von Danilo Kis. In seiner Dynamik, Struktur oder dem Klang unterscheidet sich das Werk deutlich von Trio. Melodiefragmente tragen ebenso dazu bei wie verfremdete oder abseits des üblichen Spektrums gespielte Instrumente.

Vielleicht nicht »anstrengend«, ganz sicher aber anspruchsvoll waren die beiden Stücke wohl nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Zuhörer, nicht zuletzt sind es ausgewachsene Trios. Dazwischen gab es drei Stücke von Morten Feldmann zu hören, die zwar keine Miniaturen, aber im Verhältnis deutlich kleiner sind. Vor allem das dritte, »Piano (Three Hands)« schien im direkten Vergleich mit Brass‘ Werken spannungsärmer, während »Extensions 1« für Violine und Klavier einen ganz anderen Umgang mit Reflexen als in Trio offenbarte – während sie bei Nikolaus Brass stark dialogisch klingen und in ein ganzes eingebunden sind, stehen Feldmanns Reflexe stärker als Einzelereignisse heraus. In »Intersection 4« (Violoncello solo) – stellte Matthias Lorenz ein huschendes, flüchtig scheinendes Stück vor.

2. November 2021, Wolfram Quellmalz

Heute (Chemnitz, Neue Sächsische Galerie) und morgen (Leipzig, Städtische Bibliothek), jeweils 19:30 Uhr, noch einmal: Neues Klaviertrio Dresden / Nikolaus Brass, Fokus-Konzert 2, Gespräche mit dem Komponisten eine Stunde vor Konzertbeginn, weitere Informationen unter: http://www.matlorenz.de/

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