Akademie und Philharmonie im Schulterschluß

Kurt Masur Akademie mit Musik jüdischer Komponisten im Dresdner Kulturpalast

Die Idee bestand seit mindestens 2015, vor vier Jahren wurde die Kurt Masur Akademie der Dresdner Philharmonie ins Leben gerufen. Mittlerweile gibt es sozusagen schon eine zweite und dritte Generation: Klarinettistin Inken Grabinski und Cellist Michael Schmitz gehören bereits seit 2019 dazu, Aleksandra Varaksina, Hobin Yi, Sawako Kosuge (alle Violine) fingen in diesem Sommer gemeinsam mit Hyelin Yun (Viola) an. Diese sechs hätten vielleicht gern noch ein paar Kommilitonen – aktuell sind noch Stellen für die Instrumente Oboe, Fagott, Trompete und Kontrabaß vakant.

Auch das gehört seit Anfang dazu: etwas nach Beginn der neuen Spielzeit stellen sich die Akademisten dem Publikum vor. Schließlich müssen Sie sich nicht nur auf ein Konzert vorbereiten, sondern zu einer homogenen Gruppe wachsen. Dazu gehört – neben ihrem eigentlichen Studium – ein Maserstudiengang im Bereich Orchesterpraxis. Am Freitag war die Kurt Masur Akademie in ihrer derzeitigen Formation im Kulturpalast zu erleben. Mit Musik jüdischer Komponisten bezogen sie sich dabei auf die Neue Synagoge Dresden, die vor 20 Jahren fertiggestellt und der Jüdischen Gemeinde übergeben wurde.

Das Programm enthielt dezidiert jüdische Musik, aber nicht allein solche. Zunächst ließen Inken Grabinski, Hobin Yi, Sawako Kosuge, Hyelin Yun und Michael Schmitz sowie Gastpianistin Chih-Ling Yu Sergei Prokofjews Ouvertüre über hebräische Themen in einer Fassung für Kammerbesetzung erklingen, mit drei Sätzen aus Ohad Ben-Aris »Violinen der Hoffnung« gab es danach eine spannende Wiederbegegnung in Trioformation (Aleksandra Varaksina, Michael Schmitz und Ohad Ben-Ari) – das Projekt war vor drei Jahren im Kulturpalast zu Gast gewesen. Gerade »Krieg« und »Tränen« erwiesen sich als ausdrucksstarke Teile, deren musikalische Kraft auch losgelöst überzeugen würden, wenn also das Thema nicht bekannt wäre.

Daß Dresden einmal eine Stadt der Moderne und der Experimentierfreude war, läßt sich historisch belegen. Zumindest war es immer wieder Heimat- oder Auslösungsort für avantgardistische Freigeister. Erwin Schulhoff ließ sich 1919 hier zu seinen Fünf Pittoresken anregen, einer Musik, die dem Dada-Geist von George Grosz nachspürt. Ohad Ben-Ari ließ sie mit den beiden Philharmonikern und Mentoren Kathrin Bäz (Flöte) und Daniel Bäz (Fagott) aufblitzen – mehr als ein Schlaglicht war es indes nicht. Insofern hätte man sich für den Abend manchmal etwas mehr Konzentration gewünscht, die Moderationen hingegen waren wenig gewinnbringend und oft zu lang.

Zum Gewinn des Auftritts zählte eine ganz erstaunliche Uraufführung. Matan Gilitchensky (Viola) von der Philharmonie und Ohad Ben-Ari (Klavier) spielten das von Lior Navok für Tabea Zimmermann geschriebene »Dripping Minutes – Frozen Years«, das vom Verlauf und Stillstand der Zeit erzählt. Hier und da schimmerte eine Harmonik wie in César Francks A-Dur-Sonate durch, immer wieder wurde diese aber gebrochen. Die »Zeit« machte Lior Navok mehrfach deutlich, ob im nachempfundenen Uhrschlag, verhaltenen Tönen oder erstarrenden Tremoli. Matan Gilitchensky sorgte mit einem samtigen Violaklang für Tiefenwirkung – ein wenig schade, daß dieses Werk im Rahmen des Akademieabends so nebenbei aus der Taufe gehoben wurde. Eine baldige Wiederholung wäre wünschenswert!

Keine Wünsche offen ließ Felix Mendelssohns Streichquintett B-Dur. Matan Gilitchensky verstärkte hier das Quartett der Akademie (Hobin Yi, Sawako Kosuge, Hyelin Yun und Michael Schmitz), mit dem er zu einer sehr ausgewogen Interpretation fand. Dem getupften Allegretto scherzando folgte ein lebensvolles Adagio, das weniger vom verhaltenen Charakter als von aufsteigen Linien geprägt war – solche Finesse bereitete Mendelssohn eine Extraportion Leichtigkeit!

13. November 2021, Wolfram Quellmalz

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