Wer ist – was ist?

Dresdner Hochschulen realisieren Uraufführungsprojekt

Die Opernklasse der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden wollte nach der Jahresproduktion im Sommer in der letzten Woche eine Uraufführung von Alberto Arroyo auf die Bühne bringen. Nachdem das Haus jedoch alle Vorstellungen bis zum Jahresende absagen mußte, kann »ONIROS« nicht vor Publikum gespielt werden. Mit zwei hochschulinternen Aufführungen am Sonntag und Montag konnten die Beteiligten dennoch die Früchte ihrer Arbeit ernten.

Mikolaj Bonkowski (Oniros), ein Schöpfer, real im Vordergrund sowie im Video, hinten: für zwei Flüchtlinge (Mykola Piddubnyk und Lia Gets-Bermann, von links) liegen Träume und Identität nah beieinander. Photo: HfBK Dresden, © Kena Loeckle

»ONIROS. Ein Musiktheater der Träume« ist eine experimentelle Oper, die den Begriff Oneiroi (griechisch: Träume) weiter greift, als daß sie nur Traumbildern und deren Auslegung deutet. Alberto Arroyo und Carmen Guaita (Text, deutsche Fassung: Daniel Toni Kaplan) setzen sie ins Verhältnis zu Realität, Virtualität und Identität.

Die Musik beginnt archaisch, träge, einer Klangmetamorphose gleich. Sie trägt und umwebt, löst direkte Bezüge auf, so wie die Oper (mit Ausnahme von Erzählsequenzen) ein narratives Element im üblichen Sinn verwehrt. Was sich im ganzen Konzertsaal der Musikhochschule abspielt (Inszenierung: Opernklassenleiterin Barbara Beyer), ist eine Installation, die mit Klang- und Visualisierungsflächen spielt und die im Raum verteilten Besucher einschließt. Ringsum gibt es verschiedene Videos, die Subjektivität der Position läßt sich nur aufheben, wenn man seinen Platz wechselt – in eine andere Subjektivität.

Vielleicht geht es gerade darum: Uneindeutigkeit, Unzuverlässigkeit – Barbara Beyer und Alberto Arroyo lösen feste, »objektive« Positionen soweit auf, daß Konturen umdeutbar werden – sieht man aus dem Rückfenster des Saales wirklich die Musikhochschule, oder ist es nur ein starres Bild, das die anderen Projektionen ringsum an den Wänden ergänzt? Theaterplastiken im Raum stammen aus dem Fundes der Hochschule für Bildende Künste Dresden (Ausstattung: Kena Loeckle und Leon Michel) und suggerieren wohl weniger die Idee einer Wiederverwertung als Objekte einer unbestimmten Vergangenheit, die wiederkehren wie die Bilder fremder Träume.

Mikolaj Bonkowski entspricht als Oniros einem Übervater oder Schöpfer, der seinen Geschöpfen (Lebens)aufgaben stellt. Philoniros (oder der Sohn, von Daniel Oehme dargestellt) bricht mit der Erkenntnis aus der Rolle des Gehorchenden aus – freilich birgt seine Erkenntnis schon wieder den Keim des Subjektiven (Fragwürdigen). Nicoletta Ieridou wartet als Penelope reale auf Odysseus, so sagt zumindest die Geschichte. Doch ist das wirklich ihre Aufgabe? Sujin Lee vollzieht als Penelope virtuale im Video einen Selbstmord, der sich von nun an im Loop ständig wiederholt – im Freitod liegt keine Lösung …

Träume sind Spiegel, Alberto Arroyo deutet sie psychologisch, spirituell, virtuell aus und läßt für Imaginations- und Denk- (oder Traum-)räume viel Platz. Seine Musik (Hochschulsinfonieorchester, Leitung: Ekkehard Klemm) wird nicht übergriffig und dominierend, sondern begleitet, unterstreicht, malt Hintergründe, reflektiert. Es wird gesungen, oft gesprochen, vom Projektchor (Seminarchor der HfM) und Solisten. Am eindrucksvollsten vielleicht von Daniel Oehme, dessen Stimme innerhalb eines Satzes vom samtig gesprochenen Wort in einen auflodernden Alt umschlagen kann. Die Klänge mischen sich, kommen von Ferne, natürliche Stimmen überlagern sich mit der Verstärkung aus dem Lautsprecher, wie reale Personen in Videos auftauchen und verfremdet werden – der ständige Wechsel von Realität und Irrealität schlägt Brücken, Bilder werden »nach Lust und Laune verzerrt«. Reibungspunkte, positive Verunsicherungen, die Denkanstöße werden – wie schön, daß der Experimentierraum der Hochschule solche Projekte aufleben läßt!

30. November 2021, Wolfram Quellmalz

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