Das erste Licht anzünden

Kreuzvesper am Vorabend des 1. Advent mit erhellender Musik

Es geht um so viel mehr als nur Musik zu hören, wenn wir uns irgendwohin begeben, wo sie aufgeführt wird. Das spürt man vor allem dann, wenn sie mit Text und Anlaß verbunden ist und zu einem Punkt tief in uns vordringt. Die Kreuzvesper am vergangenen Sonnabend war dafür wieder einmal ein Beispiel. Gleichzeitig gelang es Holger Gehring und der Capella Sanctae Crucis Dresden noch, der Gemeinde Werke vorzustellen, die über den üblichen Kanon hinausragen und schon in der Form besonders sind.

Begonnen hatte der Kreuzorganist jedoch mit dem Praeludium Es-Dur von Johann Sebastian Bach (BWV 552). Es ist beileibe kein ad hoc weihnachtliches oder dem Advent zugeordnetes Werk, aber vielleicht erhellt es mit seiner Strahlkraft gerade den Beginn des Kirchenjahres? Vor einigen Jahren stand es so einmal im Abschlußkonzert des Dresdner Orgelzyklus‘ (der am kommenden Mittwoch abgesagt ist). In den Charakterisierungen wird Es-Dur mit Liebe oder einem traurigen Zwiegespräch mit Gott verglichen (Schubart), als pathetisch, ernst oder klagend beschrieben (Mattheson), Charpentier fand darin gar Klänge, die er mit grausam und roh beschrieb. Bei Bach überwog ein positives Leuchten, ja ein wenig Trotz – trotz der Umstände, der Dunkelheit, die gerade so bedrückend ist, ein Licht in die Welt zu tragen.

Dieses Licht fand im Wort Fortsetzung. Heidi Maria Taubert ließ ihren wandelbaren Sopran durch verschiedene Kantaten klingen, manchmal lyrisch, liedhaft, wie in Christian Ludwig Boxbergs »Machet die Tore weit« oder Johann Rosenmüllers »Lieber Herre Gott«, dann wieder dunkel getönt im Geistlichen Lied »Auf, auf, die Zeit ist hier« (Johann Sebastian Bach / Georg Christian Schemelli). Bemerkenswert in der Form war, daß auch die Kantaten unter den Werken über die Solobesetzung hinaus nicht der üblichen Form mit Rezitativen und Arien sowie Chor / Choral folgten, sondern den Text in Liedstrophen oder verschiedenen Arien präsentierten. Einen Text bzw. Texte aus dem »tiefen Brunnen der Vergangenheit« (Liturg Holger Milkau), der uns die Botschaft zum 1. Advent ans Ohr (und damit zum Herzen) tragen kann.

Aller Dunkelheit und aller Beschränkungen zum Trotz transportierte Melchior Hoffmanns Kantate »Meine Seele erhebt den Herren« ihre Botschaft ans Ohr und stimmte mit der pastoralen Einleitung festliche Klänge an, die sich bald effektvoll durch den Text woben. Denn kurz auf die schlichte Arie »Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für« läßt Hoffmann den Sturz »Er stößet die Gewaltigen vom Stuhl« auch musikalisch hörbar werden. Das kleine Ensemble der Capella Sanctae Crucis Dresden gestaltete nicht nur diese Passagen farbig aus, sondern sorgte auch sonst für einen schönen, tragfähigen Baß.

Das nun wieder etwas knappere Programm ergänzte Pfarrer Holger Milkau mit Lesungen zum Advent (unter anderem »Du, Tochter Zion, freue dich sehr«, Sacharja 9, 9 – 10). Das musikalische Schlußwort, zumindest in der Kirche, gehörte diesmal der Gemeinde, die von Holger Gehring an der großen Orgel begleitet eines der bekanntesten Lieder zum Advent, »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit« anstimmte. Draußen klang es dann noch etwas weiter, denn nach der Vesper begleiteten die Dresdner Turmbläser (Leitung: Sebastian Schöne) die Besucher nach draußen.

29. November 2021, Wolfram Quellmalz

Auch am kommenden Sonnabend findet eine Kreuzvesper statt. Geplant sind unter dem Titel »Nun komm, der Heiden Heiland« Werke von Johann Sebastian Bach, Gottfried August Homilius und Heinrich von Herzogenberg. Bitte informieren Sie sich vorab über die Zugangsbedingungen (aktuell: 3G) unter: http://www.kreuzkirche-dresden.de

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