Punsch oder Pasta? Theodor Storm oder Madeleine Albright?

edition momente leitet literarisch-kulinarisch durchs Jahr

Ein schöner Kalender ist nicht nur Blickfang (wobei das wichtig ist!), sondern kann auch der Woche ein Motto geben, durch die Jahreszeiten und Monate leiten. Seit vielen Jahren sorgt Sybil Gräfin Schönfeldt mit ihrem Literarischen Küchenkalender für kulinarische wie literarische Momente. Beides hängt eng zusammen, denn auch bei Raymond Chandler, Jane Austen und Jonathan Franzen wurde oder wird gekocht, die Personen in ihren Büchern lieben und streiten sich nicht nur, sie treffen sich zu Familienfesten, zu denen Tortenberge aufgetürmt oder Großmutters Originalrezepte hervorgeholt werden, oder es wird wieder einmal echt schlesisch getafelt. Manches Fest grenzt allerdings an Völlerei oder liefert ein unterhaltsam-interessantes Familienpsychogramm (sie Thomas Mann).

Auf 53 Blättern zu den Kalenderwochen zuzüglich Erklärungen und Grundrezepten im Anhang erzählen im kommenden Jahr Theodor Fontane, Nancy Mitford oder Elena Ferrante, wie man eingelegte Gänsekeulen, einen Shepherd’s Pie oder heiße Schokolade zubereitet, Bas Kast (er schrieb den Bestseller »Der Ernährungskompaß«) legt uns am Ende des Spätsommers gegrillte Zucchini nahe. Neben bekannten oder »erwartbaren« Gerichten (was jedoch nicht verhindert, von den hier angegebenen Varianten überrascht zu werden) wie Kalbsragout, Gurken in Sahne oder Silvesterpunsch – da freut man sich gleich aufs nächste Jahresende! – werden alte Rezepte aus fremden Ländern oder solche von weiten Familienverzweigungen präsentiert; Gerichte, deren Namen zunächst dem Uneingeweihten nichts sagt: Pelau zum Beispiel oder Ambrosia, aber auch Inka-Suppe oder Bouillabaisse simple bedürfen einer näheren Betrachtung.

Zum Rezept gibt es immer die Szene aus einem Buch (oder umgekehrt). Nicht immer läuft einem dabei das Wasser im Munde zusammen, denn manchmal wird der Toast nur nebenher gereicht, während sich vordergründig ein Ehedrama oder Mord abspielt (oder beides). Wie dem auch sei: die Lust am Weiterlesen wird dabei auf jeden Fall ebenso stimuliert wie die am Zubereiten.

Wir (alias Paul Bokühß) haben in den letzten Jahren gleichermaßen manche Anregung aufgenommen und erfolgreich nachgekocht wie wir manches Buch entdeckten. Zu unseren Favoriten gehören Frühstücksavocados (zu Doris Lessings »Das goldene Notizbuch«), Käseschnitte Distelfink (Donna Tartt), Herrenpilze à la Eduard von Keyserling, Rindszunge in Kapernsauce (Leo Perutz »Der Meister des jüngsten Tages« – ein ergötzlicher Schmöker, dringend zu empfehlen für die Wintertage!) oder Bœuf à la Casserole (Marcel Proust »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«). Immer wieder gern und schon in vielen Variationen zubereitet haben wir Kerbelsuppe (Theodor Fontane »Cécile«). Enttäuscht wurden wir eigentlich nie, dafür öfter überrascht. Nur einmal haben wir die Augen verdreht: Im vergangenen Herbst besuchten wir ein Musikprojekt im Veneto (unser Bericht im kommenden Heft / Ausgabe 42). Vor oder nach den Konzerten gab es meist kleine Empfänge, zu denen Menüs oder Häppchen gereicht wurden. Immer dabei: Polenta, eine venezianische Spezialität. Die aus Maisgries bereitete Speise ist nicht jedermanns Sache, schmeckt aber, wenn man sie zum Beispiel mit Olivenöl und Rosmarin anreichert. Nach vier Tagen in Folge, an denen es immer (mindestens) einmal Polenta gab, hatten wir allerdings genug davon. Und was entdeckten wir direkt nach unserer Rückkehr, als wir den literarischen Küchenkalender am Montagmorgen umblätterten? Polenta! Das Nachkochen haben wir vorerst auf 2022 verschoben …

Sybil Gräfin Schönfeldt »Der literarische Küchenkalender«, Wochenkalender, edition momente, 60 Blätter, 31,5 x 19,2 cm, 20,- €

Ebenfalls erhältlich: der Musikkalender der edition momente. »Musik – ein Fest fürs Leben« heißt es 2022 mit den Erinnerungen von Luciano Pavarotti, Teresa Carreńo, Mirga Gražinytė-Tyla, Theo Adam und vielen anderen mehr. Sie lassen uns auf 53 Kalenderblättern an ihren Erlebnissen teilhaben und beschwören alte und gar nicht so alte Erinnerungen herauf. Hoffen wir, daß 2022 auch wirklich ein Festjahr für die Musik wird!

»Der Musik Kalender 2022. Musik – ein Fest fürs Leben», 60 Blätter / 53 Fotos, farbig / schwarz-weiß, 32,5 × 24 cm, € 22,–

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