Passionsmusik mit Bach

Auftakt zur Meißner Dom-Musik

Vergangenen Sonnabend begann in Meißen wieder die Reihe der Dom-Musiken. Bis Oktober werden wöchentlich (sonnabends, 18:00 Uhr) überwiegend geistliche Werke in den Andachten erklingen, später folgen eine ökumenische Hubertusvesper (6. November), Heinrich Schütz‘ Musikalische Exequien (20. November) sowie ein umfangreiches Programm im Advent, das Kantaten des Weihnachtsoratoriums, Benjamin Brittens »A Ceremony of Carols« sowie Orgelmusik enthält.

Fast hätte man meinen mögen, der Wettergott hätte sich bei Goethe belesen, wie man vor Ostern eindrucksvoll für Stimmung sorgt. Die eisigen Schauer hielten dennoch kaum jemanden von einem Dombesuch ab, so daß sich wieder eine ansehnliche Gemeinde zusammenfand.

Zum Auftakt am Wochenende gab es ein Passionskonzert mit einer Bearbeitung Johann Sebastian Bachs. Die Motette »Tilge Höchster, meine Sünden« geht auf Giovanni Battista Pergolesis Stabat Mater zurück, wobei Bach dem Werk nicht nur einen deutschen Text (zu Psalm 51) unterlegt, sondern manche Eingriffe vorgenommen hat. Er folgte damit nicht allein pragmatischen Zwecken (für eine Aufführung), sondern hob Stimmen hervor, machte Aussagen für die Hörer seiner damaligen Gemeinde verständlicher. Gleichzeitig wahrte er einen eher kontemplativen Charakter des Werkes im Vergleich zur dramaturgisch ausgefeilteren Kantate.

Erhalten blieb dem Werk unter anderem der schwebende Charakter, den die Interpreten herausstrichen. Neben Katharina Salden (Sopran) und Marie Bieber (Alt) waren dies vor allem die Frauen des Kammerchores Capella Misnensis. Für die instrumentale Unterstützung sorgte das Chemnitzer Barockorchester unter der Leitung von Domkantor Thorsten Göbel.

Bachs Können zeigte sich eben nicht nur dann, wenn er selbst eigenes schuf, sondern auch, wenn er die Werke anderer studiert hatte und für seine Zwecke verwendete. Neben den Eingriffen bzw. Änderungen fällt daher auf, was Bach zwar nicht unverändert übernimmt, dennoch aber erhält. Hier waren es die Stimmen, die dem Werk einen betörenden Charakter verleihen. Mit den Solistinnen hatte Torsten Göbel dabei zwei ausgezeichnete Interpretinnen gefunden – Katharina Saldens Sopran kann sich an entscheidenden Stellen himmlisch aufschwingen (die Psalmvertonung ist durchaus nicht ohne dramatische Höhepunkte), Marie Bieber verlieh dem Text wiederum oft eine ungewöhnliche Tiefenwirkung.

Besonders gefallen konnte, daß Torsten Göbel ohne überdeutliche Kontraste immer wieder Nuancen effektvoll herausstrich. Hier mischten sich die Stimmen der Capella Misnensis nicht nur ein, sie sorgten neben ihrer »Basistätigkeit« als Chor immer wieder für Betonungen der Farbgrade. Gleichzeitig gelangen kleine, große geschlossene Chöre, wie am Ende von Vers 10 (Laß mich Freud und Wonne spüren). Wie auch bei Pergolesi fragte man sich manchmal, wie ein Text um Schuld und Buße mit soviel Schönheit in der Musik umgeben sein kann!

Das kleine Chemnitzer Barockorchester spielte inmitten der Sänger seitlich der Zuhörer und band die Gesangsteile stimmig zu einem Ganzen.

10. April 2022, Wolfram Quellmalz

»Tilge Höchster, meine Sünden« erklingt (dann mit Orgelbegleitung) noch einmal im Karfreitagsgottesdienst (12:00 Uhr, Dom zu Meißen), Liturgie: Dompfarrer Superintendent Andreas Beuchel, Weitere Informationen: http://www.dom-zu-meissen.de

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