So geht Cembalo!

Mahan Esfahani sorgt für ein funkelndes Nachtkonzert beim Bachfest Leipzig

Der Titel soll keine Floskel sein, sondern den vorbildhaften Charakter des Konzertes gestern im Sitzungssaal des Bundesverwaltungsgerichtes in Anlehnung an vergleichbare Kampagnen widerspiegeln. Will heißen: Esfahanis Konzert war und ist kein Abziehbild und keine Vorlage, wie man es zu machen hat, sondern ein inspirierendes Konzerterlebnis und wohl ein Höhepunkt des diesjährigen Bachfestes.

Dabei scheint die Mischung so einfach – man nehme: Stücke aus der Zeit Johann Sebastian Bachs, besser: auch solche aus der Zeit davor. Noch besser: Stücke, die Johann Sebastian Bach nicht nur kannte, sondern die von Menschen stammen, die einen persönlichen Bezug zu Johann Sebastian hatten, vielleicht verwandt oder aber ein ihm Vorbild waren. Es gilt nun, aus dem unerschöpflichen Reichtum dieser Altvordern ein Programm zusammenzustellen. Mahan Esfahani wählte kfmitte elangvolle Namen: Johann Christoph Bach (auch der I. genannt – der Vetter seines Vaters, nicht zu verwechseln mit dem älteren Bruder), Johan Pachelbel, Louis Marchand …

Die Geschichte des angeblichen Wettstreites zwischen Marchand und Bach und der Flucht des Franzosen mutet doch nach Lage der Quellen eher als Legende denn als Episode an. Marchand galt nicht zu Unrecht als einer der besten Virtuosen seiner Zeit, seine Suite d-Moll zeugte von höchster Könnerschaft. Auf beiden Seiten – Mahan Esfahani kann virtuose Läufe perlen lassen, versteht es aber auch, die Form zu binden, die bedächtige Beiläufigkeit eines Parkspazierganges in Versailles (Sarabande) beherzt in strukturierte Sätze zu fassen. Die Chaconne wäre schon allein eine Ohrenweide! Mahan Esfahani verfügt über einen elektrisierenden Anschlag, weiß Akzente zu setzen, bewahrt dabei jedoch einen singenden Charakter des Cembalos – selbst in Passagen, die nicht vordergründig kantabel sind.

Schon der Beginn war berückend gewesen: auf Johann Christophs Präludium Es-Dur (fälschlicherweise ins BWV geraten, Nr. 177 / 1) folgte eine Ciaconne D-Dur von Johann Pachelbel – beides verzauberte, man wußte kaum, ob man über die Miniaturen der Ornamentik staunen oder sich der Klangsinnlichkeit hingeben sollte.

Selbstredend kommt Johann Sebastian zu Wort bzw. Ton – mit den Toccaten d-Moll (BWV 913) und D-Dur (BWV 912) sowie der Phantasie und Fuge a-Moll (BWV 904) legte der iranisch-amerikanisch-tschechische Cembalist komplexe, mehrteilige Strukturen offen, die hier jedoch um kein Jota kleiner oder weniger komplex wirkten als auf einer Orgel. Die Orgelfreunde mögen sich darin ergötzt haben!

Oder mehr noch in den Entdeckungen? Girolamo Frescobaldi ist ein legendärer Komponist, indes: seine Werke hört man höchst selten! Das Capriccio sopra la Bassa Fiammenga (F 4.05) läßt staunend fragen, warum das so ist – sind Frescobaldis Werke zu schwer oder fehlt es an Entdeckerlust? Das verspielte, quicklebendige Stück ließ nichts vermissen, was man an Girlanden und funkelnden Tönen erwartete.

Mit William Byrds Ut re mi fa sol la in G-Dur stand auch ein witziges Lehrstück der Musikliteratur im Programm. In der Mitte etwa munterte die filigrane Miniatur die europäische Rundreise auf – einfach herrlich!

Am Schluß fügte Mahan Esfahani dem noch eine Ground hinzu. Von Byrds Landsmann Henry Purcell, wie der Cembalist meint, manche glauben der Ground stamme von William Croft. Mahan Esfahani glaubt, er stamme von Purcell – da gibt man ihm gerne recht, er paßt auf jeden Fall zu Purcells Opern.

19. Juni 2022, Wolfram Quellmalz

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