Alte Musik ist kein Museumsbesuch

Gambe und Cembalo im Pillnitzer Bergpalais

In Museen kann man alte Objekte ausstellen, auch Musikinstrumente (oder sie im Fundus lagern), Musik an sich jedoch ist nicht Bestandteil der Museumslandschaft, denn – anders als Gemälde oder Skulpturen etwa – muß sie jedes Mal neu erweckt werden. Trotzdem gibt es immer wieder Berührungspunkte, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) mit ihren historischen Instrumenten im Schloß Pillnitz sind eines der schönsten Beispiele. Denn hier werden keine alten Instrumente gezeigt wie in anderen Musikinstrumentenmuseen (wo viele nicht mehr spielbar sind oder ihrer Restaurierung harren und bestenfalls vorgeführt werden), hier werden funktionstüchtige Kostbarkeiten in spielbarem Zustand gehalten (oder versetzt). Drei- bis viermal im Jahr sind sie dann im Konzert zu erleben. Am gestrigen Sonnabend fand die Reihe Alte Musik im Kunstgewerbemuseum bereits ihren Abschluß für 2022.

Zu den schönsten (und oft kopierten) Objekten im SKD-Bestand gehört das phantastische zweimanualige Cembalo, das 1739 in der Werkstatt Johann Heinrich Gräbners entstanden ist. Immer wenn es gespielt wird, ist ein vollbesetzter Saal fast garantiert, so auch diesmal. Doch das Cembalo bzw. sein Spieler Sebastian Knebel standen nicht allein im Mittelpunkt, denn musikalisch gab es mit einer Baß-Viola da Gamba und Katharina Holzhey eine reizvolle Partnerschaft.

Mit zwei der Gambensonaten Johann Sebastian Bachs (G-Dur / BWV 1017 und g-Moll / BWV 1029) stand noch dazu eine Werkpaarung im Mittelpunkt, wobei sich jede theoretische Betrachtung oder Fachsimpelei verbietet, sobald die Gambe zu singen beginnt …

Katharina Holzhey wußte auf ihrem Instrument in verschiedenen Lagen Kantabilität zu erzeugen, schon das hebt die Gambe zum Beispiel über den manchmal brummelnden Baß. Sie schafft aber auch eine erstaunlich, tenorale Höhe. Gerade in den langsamen Sätzen der Bach-Suiten kam die Gesanglichkeit so zum Tragen, wiewohl die schnellen vital wirkten (schon im Allegro, nicht erst im Vivace). Das lag wohl vor allem in der Ungezwungenheit und Ungekünsteltheit – nicht zuletzt in der gleichwertigen Partnerschaft schienen Sebastian Knebel und Katharina Holzhey sich gefunden zu haben, ein Suchen oder Abstimmen war nicht zu spüren.

Zwischen den Stücken für beide Instrumente spielte Sebastian Knebel zwei Werke allein auf dem Cembalo. Vor allem Jean-Henry d’Angleberts Première Suite gab viel Gelegenheit, zwischen eleganter Plauderei und virtuoser Kunst die Verzierungsmöglichkeiten des Gräbner-Flügels vorzuführen. Mehr noch sogar gab Georg Muffats Passacaglia in g dazu Anlaß – zwar kann man auch beim Cembalo zwischen Acht- und Vierfuß wechseln oder den Lautenzug spielen, das spannungsvolle Werk machte aber neugierig, es (wieder) einmal auf einer Orgel und ihren Registern zu hören.

Und Bach? Die »Schwestern«, deren Herkunft gar nicht so klar ist (wohl ist keines von beiden eine originale Gambensonate) sind höchst unterschiedlich. (Ganz typisch für Geschwister, oder?) Während die G-Dur-Suite ein kammermusikalisches Duo ist, das den Temperamentwechsel der Sätze herausstellte und dem Katharina Holzhey mit gezieltem Vibrato Emotionalität verlieh (da sage noch jemand, man dürfe bei Alter Musik kein Vibrato einsetzen!), klang die Schwester in g-Moll deutlich konzertanter, nach Concerto.

Allerdings wurden beide, zumindest für den Gambenfreund, von einem übertroffen, der das Instrument wie kaum ein zweiter beherrscht hat: Marin Marais. Der Name ist magisch und zieht Gambenfreunde an. Marais Variationen über das berühmte Folia-Thema sollte in Sammlungen neben Arcangelo Corelli und Jean-Baptiste Lully nicht fehlen! Eine entzückende, beglückende, gewitzte »Verrücktheit«, mit Leichtigkeit und Esprit dargeboten!

Mit einer Pièce für Gambe und Cembalo von Joseph Bodin de Boismortier bedankten sich Katharina Holzhey und Sebastian Knebel für den Applaus.

10. Juli 2022, Wolfram Quellmalz

Für dieses Jahr war dies schon das letzte Konzert im Bergpalais des Pillnitzer Schlosses. Doch die Vorfreude auf das kommende Jahr darf noch ein wenig wachsen: dann wird die Konzertreihe ihr 60jähriges Bestehen feiern.

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