Gigantismus mit Feinmaß

Sächsische Staatskapelle und Daniele Gatti zelebrieren Mahler IX

»Alles andere als normal« könnte man auch sagen – das Werk, das Konzert, der Dirigent. Daniele Gatti gehört seit Jahren in die Spitzenliga der Orchesterleiter und kehrt regelmäßig nach Dresden zurück. Seit wenigen Tagen steht fest, daß die Sächsische Staatskapelle ihn will, das Staatsministerium ist beauftragt, über einen Vertrag als Chef des Orchesters für die Zeit ab Sommer 2024 mit ihm zu verhandeln. Da kann man ein Sinfoniekonzert unter seinem Dirigat schwer »nur« hören.

Es fällt auf, daß Gatti zu denen gehört, die sehr genau zeigen, anweisen, was sie wollen – Orchester mögen solche klare »Ansagen« im allgemeinen, soweit sie begründet und  gerechtfertigt sind. Will meinen: Kompetenz und Vertrauen sind die Grundlage, das Zeigen alleine macht es nicht.

Um so wichtiger, wenn ein Werk wie Gustav Mahlers neunte Sinfonie, die letzte vom Komponisten vollendete, auf dem Programm steht. Am Sonntagmorgen begann sie mit einer Pause. Darin liegt ein Zelebrieren, an das man sich vielleicht noch gewöhnen muß, denn auch vor dem abschließenden Adagio legt Daniele Gatti einen solchen Besinnungsmoment ein – in der Tat gewöhnungsbedürftig. Zwingend erforderlich ist er nicht, unterbricht den Fluß der Musik vielleicht über Gebühr, doch das Publikum mag die weihevollen Momente, denn unabhängig von solchen Pausenzeiten wir deutlich, daß Gatti eines kann: Musik entstehen, wachsen lassen, heraufbeschwören …

Überraschenderweise spielt die Kapelle trotz großer Besetzung im Konzertzimmer mittlerer Größe. Zuletzt war sie meist in der größtmöglichen Ausbaustufe aufgetreten. Das war ursprünglich vielleicht pandemiebedingt erforderlich, um Abstände zu gewährleisten, überzeugte aber auch akustisch, gab den Bläsern Raum.

Unter Daniele Gattis Leitung kam die neunte »von hinten«, tauchte aus Violoncelli, Hörner und Harfe auf, die einen Klang formten, ein Erwachen, das zu strömen begann, Lichtglanz wurde und mitriß, ob man da wollte oder nicht. Ohne scharfe Kanten, aber mit fein herausgearbeiteten Konturen zeichnete Gatti die Sinfonie. Das tat ihr gut, der neunten, die so viele Brüche hat. Denn es sind keine klaren Brüche mit geschnittenen Linien, vielmehr wartet sie mit Eintrübungen auf. Darin entwickelte die Kapelle ihre ganze Raffinesse, fand subtile Ausdrücke.

Raffiniert gestaltete Gatti den zweiten Satz, ließ ihn aus der Fagott- und Klarinettengruppe wachsen, verschleppte hier und da das Tempo – der fröhliche Ländler geriet zur Persiflage, schien fragwürdig – ein karikiertes Scherzo? Wohin Mahler wollte – Daniele Gatti weiß es wohl, entwickelte im dritten Satz eine Freude, die sich übertrug – die ersten Pulte der Celli nahmen den Impuls auf und grinsten den Dirigenten an – Spielfreude hat einer Sinfonie noch nie geschadet. Zumal Daniele Gatti die Fähigkeit und Lust am Differenzieren nicht verlor. Fröhlich stürzten sich die Musiker in den Tumult des Satzfinales.

Und dann erneut eine lange Pause, Zäsur. Tragisch schimmerte es, doch selbst die Violinen allein klingen bei diesem Mahler kein bißchen hell, das war fast erschütternd! Und auf den Hornruf folgte kein Choral wie bei Brahms, sondern pure Ernüchterung, Abstieg – ahnte Mahler sein Ende voraus? Die Holzbläser fanden zurück zur typischen Liedcharakteristik, indes: auch im Tutti klang der Turmuhrschlag der Harfe durch – alles ist endlich, Mahlers neunte verlosch und ließ ein ergriffenes Publikum extatisch jubeln.

11. Juli 2022, Wolfram Quellmalz

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