Schulkonzert in zu großem Rahmen

Saratoga-Lynbrook Choir und Münchner Knabenchor zu Gast im Kulturpalast

Wenn man im Programmheft der Saratoga High School blättert, die derzeit mit insgesamt vier Ensembles durch Europa tourt, fällt auf, daß sie sich mit Kirchen oder Schulaulen wohl nicht zufriedengibt. Am Sonntag vor einer Woche begann die Reise mit Auftritten in der Votivkirche und dem Goldenen Saal des Musikvereins in Wien, vorgestern war sie im Konzertsaal des Dresdner Kulturpalastes zu Gast.

Zur High School (die Einrichtung entspricht in Deutschland in etwa einem Gymnasium) gehören neben einem Sinfonieorchester ein Sinfonisches Blasorchester und ein Schlagzeugensemble. Nach Dresden kam der Saratoga-Lynbrook Choir, der sich bei den meisten Konzerten mit einem anderen Ensemble traf, in diesem Fall dem Münchner Knabenchor. Doch trotz des Namens kann man ihn nicht mit der Knabenchortradition Deutschlands gleichsetzen. Nicht nur, weil ihm – gerade 2014 gegründet – die langjährige Erfahrung fehlt, er hat auch ein anderes Repertoire. Mehrchörige Vertonungen von Heinrich Schütz oder Johann Sebastian Bach gehören weniger dazu, dafür Karl Jenkins‘ Adiemus-Songs und Poparrangements. Den Spaß am Singen hindert dies freilich nicht und soll auch nicht kritisiert werden, doch wer einen Knabenchor erwartete (in einer Stadt, welche diese Tradition seit über 800 Jahren pflegt), noch dazu im größten und modernsten Konzertsaal ringsum, der erwartet wohl etwas anderes und war von der Intonation schlicht enttäuscht. Forciert sangen die Knaben hörbar mit Kraft, was gleich zu Beginn (Carl Orffs »O fortuna«) ins Schreien mündete. Vielleicht hätte eine Kirche oder Schulaula genügt, denn den Spaß am Singen will niemand abstreiten (oder -schreiben), davon zeugten nicht zuletzt Titel mit kleinen Soli, wie Ennio Morricones »Nella fantasia«.

Da schien der Saratoga-Lynbrook Choir im Vergleich gefestigter, auch wenn er nicht nur mit Maske auf die Bühne kam, sondern diese selbst beim Singen noch aufbehielt. Das wirkte zunächst, selbst wenn man den Schutz der jungen Menschen bedachte, doch etwas beklemmend, allerdings war die Klangqualität erstaunlicherweise davon nicht durch eine spürbare Dämpfung oder geminderte Unverständlichkeit beeinträchtigt. Mit Franz Schuberts Kyrie (aus der Messe G-Dur) oder konnten die Gäste aus Kalifornien das Publikum kaum beeindrucken, wohl aber mit Werken ihrer eigenen Literatur. Neben Gospels gaben gerade Traditionals wie »Come thou fount of every blessing« und der Hope song »Ain’t that good news« Einblicke in die gelebte amerikanische Chorliteratur.

Das kleine Fest durfte natürlich nicht enden, ohne beide Chöre am Ende zusammenzubringen: mit »Good news« und »Die Gedanken sind frei« trafen sich noch einmal Traditional und Volkslied und sorgten für einen kleinen kulturellen Austausch.

18. Juli 2022, Wolfram Quellmalz

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