Chromatik und Fuge

Christophe Montoux zeichnete an der Kern-Orgel der Dresdner Frauenkirche ein vielfarbiges Bild

Es ist oftmals schön, wenn Konzertprogramme einen Titel haben, zumindest, wenn sie »griffig« sind. Doch im Dresdner Orgelzyklus am Mittwoch in der Frauenkirche – die Internationalen Dresdner Orgelwochen werten Reihe derzeit noch einmal auf – ließen sich die »Konträren Stilwelten« zwischen Jan Pieterszoon Sweelinck, Nicolas de Grigny, Charles-Marie Widor, César Franck und Maurice Duruflé zwar argumentativ belegen, eindrücklicher waren aber weniger konträre oder gegensätzliche, sondern bindende Elemente wie Chromatik, Fuge und Choral. Wesentlich bezogen farbige Pracht sowie Verläufe – nicht allein Steigerungen – ihre Kraft mehrfach aus Fugen.

Daß Jan Pieterszoon Sweelinck zu den Vorbildern Bachs gehörte, ließ sich leicht nachvollziehen. Seine Fantasia cromatica war nicht minder eine Fuga cromatica, die mit den hervortretenden Soli aus den Bläserregistern zu funkeln begann. Der Anfang dagegen schien noch etwas matt – manchmal, wenn eine Schwebung unbestimmt im Raum hängt, neigt der Klang in der Frauenkirche ein wenig zum Verschwimmen, womit ihm nicht nur etwas konkretes, sondern auch die Mittelbarkeit fehlt.

Nach Sweelinck (1561 bis 1621), der an der Kern-Orgel der Frauenkirche im vergangenen Jahr einen Schwerpunkt hatte, entführte Christophe Montoux die Zuhörer zu Nicolas de Grigny und Teilen des Gloria aus der Missa cunctipotens. Das Stück ist einerseits aus einer Gregorianischen Messe abgeleitet, schließt darüber hinaus aber Sätze ein, die ganz der Spielanweisung auf der Orgel folgen (Basse de Trompette ou de Cromome). Interessant war, daß hierin keine explizite Betonung auf zum Beispiel gesanglichen Elementen lag, sondern sich verschiedenes ineinander fügte – wie die Form der Fuge, die immer wiederkehrte. Gleichzeitig war schon das einleitende »In terra Pax« à 5 von einer außerordentlichen Chromatik gekennzeichnet.

Das sollte sich später noch steigern, denn bei Maurice Duruflé führte dies in einen polyphonen Stil. Doch zunächst in César Francks Choral Nr. 2 – der 1822 geborene Franck gehört zu den Jubilaren dieses Jahres – war die Chromatik noch einmal eines der wichtigsten Wesensmerkmale, wobei hier die Choralmelodie erneut etwas verschwamm.

Das Allegro vivace aus Charles-Marie Widors Orgelsinfonie Nr. 5 sorgte mit seinem konzertanten, tänzerischen Thema tatsächlich für einen Stilwechsel (und schlug gleichzeitig die Brücke zum Choral). Reizvoll herausgearbeitet waren die Variationen, die selbst oft den Charakter einer kleinen Phantasie hatten.

Mit Maurice Duruflés Prélude et Fugue sur le nom d’Alain schienen sich die vorangegangenen Stücke bzw. ihre Stilelemente zu vollenden. Schwierig war es allerdings herauszuhören, wie und wo der Name des berühmten Kollegen Alain versteckt ist: Anders als bei B-A-C-H oder D-S-C-H hat Duruflé ein System wie Maurice Ravel verwandt, bei dem die Töne a, b (=h), c, d, e, f, g bei den folgenden Buchstaben ip (etc.) wiederholt wird. Aus Alain wird so die Tonfolge adaaf, woraus Duruflé Triolenfiguren abgeleitet hat, welche sein Werk prägen. Für das Publikum entstand am Mittwoch eine eben polyphon vitale Klangwelt deren vielgliedriger Ornamentik gerade anfangs an Vogelgesang erinnerte.

21. Juli 2022, Wolfram Quellmalz

Nächste Konzerte des Dresdner Orgelzyklus / Internationale Dresdner Orgelwochen (Beginn jeweils 20:00 Uhr): 27. Juli, Hofkirche (Kathedrale) – »Bach und die französische Tradition«, Domorganist Konstantin Reymaier (Wien), 3. August, Kreuzkirche – »Aus royalem Hause«, James O’Donnell (Westminster Abbey), 10. August, Frauenkirche – »Die Kunst der Transkription«, Isabelle Demers (Baylor / USA)

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