Abend der Seltenheiten beim Moritzburg Festival
»Schief ist englisch und englisch ist modern« heißt es angeblich und soll sich auf das Tragen von Baretten beziehen. Oder meint es vielleicht, wie schön es sein kann, wenn man den gewohnten Quartett- oder Quintettverbund etwas verschiebt. Nicht einmal Normenverfechter bestehen auf solchen Standards, Ästheten erstrecht nicht – sie erfreuten sich an dem balsamisch dunklen, weichen Klang. Sowohl Anton Arenski als auch Wolfgang Amadé Mozart hatten ihre Stücke in den Streichern abgedunkelt, Sergej Rachmaninow realisierte dies mit einer normalen Triobesetzung. Er hatte dafür den gleichen Grund wie Arenski – den Tod des verehrten Vorbildes Peter Tschaikowsky.
In sein zweites Streichquartett (a-Moll, Opus 35) legte Anton Arenski nicht nur erinnerte Verehrung, er begann das Werk mit einem russisch-orthodoxen Psalm wie ein Requiem, in das er ein Liedzitat Tschaikowskis einwob, das er im zweiten Satz variiert. Statt zweier Violinen erklingen dabei zwei Celli, doch weit über den Ton hinaus fanden Karen Gomyo (Violine), Ulrich Eichenauer (Viola) sowie Harriet Krijgh und Guy Johnston (Violoncello) mit reichem, aber angemessenen, emphatischen Vibrato zu einem glühenden, bebenden Ton – keine Spur von Pathos! Nach den leichten, extravaganten Variationen schoß das Quartett im Allegro moderato allerdings im Aufgalopp davon. Für Guy Johnston, der zum Kern der Moritzburger gehört, war es nach einer vorsichthalber verschobenen Anreise übrigens der erste Einsatz in diesem Jahr.

Für den Hornisten Alessio Allegrini war es der zweite Abend von dreien, an dem er dem staunenden Publikum ein Hornquintett von Wolfgang Amadé Mozart (Es-Dur, KV 407) »servierte«, das verzückend, beglückend, schlicht superb war! Bedenkt man die Eigenheiten des Horns (»Glücksspirale«), seine latente Gefahr zum Kieksen, fragt man sich, ob Mozart seinem Freund Leitgeb da nicht ein paar kleine Bosheiten in die Noten geschrieben hat, denn er verlangt nicht nur atemlose Läufe, sondern auch waghalsige Sprünge. Diese so blitzsauber und geschmeidig zu hören, ist eine Seltenheit (wiewohl das Werk selbst schon eine Ausnahme ist, trotz »Mozart«). Karen Gomyo, Sindy Mohamed und Matthew Lipman (Viola) sowie Bruno Philippe (Violoncello) ergänzten die Stimme des Horns, antworteten im gleichen goldenen Ton (Violen) oder neckten es mit der Wiederholung der Triller (Violine). Ein munteres Treiben in zutiefst romantischem Ton sowie die Umgebung – während man sonst auf der Terrasse, so schön und gut eingerichtet sie ist, oft den Kammercharakter des Saals vermißt, schien hier schlicht alles perfekt. Dazu noch Vollmond, als hätte Jan Vogler persönlich das arrangiert …
Wer da schon Karten für den Freitag hatte, war voller Vorfreude, denn dann standen die beiden Sonaten für Horn und Streichquartett von Luigi Cherubini auf dem Programm.
Nach so viel Gold ging es zunächst in eine verlängerte Pause, schließlich sollte noch ein »schiefes« Werk erklingen. Dabei ist Sergej Rachmaninows Trio élégiaque Nr. 2 (d-Moll, Opus 9) formal ein ganz gewöhnliches Klaviertrio. Doch Pianistin Lise de la Salle, Kevin Zhu (Violine) und Harriet Krijgh zeigten, daß dahinter ein ganzes Theaterstück, eine Oper steckt. Dunkel, bebend hob es an – noch einmal im Gedenken an Tschaikowski – steigerte sich in eine herzzerreißende Melancholie. So dicht und sinfonisch – man konnte kaum glauben, daß da nur ein Trio auf der Bühne saß. Grund waren unter anderem Struktur und Chromatik sowie die aufgeteilten Stimmen. Wie ein schwärmerisches Lied begann der Variationssatz, der zunehmend expressive Farben gewann, wie sie auch das Allegro risoluto – Moderato kennzeichneten. Die dunkle Färbung war zurück, die Leichtigkeit des Liedes verflogen, doch das Trio einmalig geschlossen, hingebungsvoll.
12. August 2022, Wolfram Quellmalz