Sachsens Glanz im venezianischen Spiegel

Gabrieli Consort aus London eröffnet Musikfest Erzgebirge

Musik und Kultur in die Region zu bringen, ist ein Anliegen von Intendant Hans-Christoph Rademann. Auch seine Unterstützer, unter anderem Landtagspräsident Matthias Rößler und Landrat Rico Anton, konnten am Freitag in der St. Marienkirche Marienberg mit Stolz auf »Sachsens Glanz« (Festivalmotto) verweisen, der in die Welt strahlte – das Eröffnungskonzert des Musikfestes Erzgebirge wurde via ARD-Radiofestival europaweit übertragen. Zehn Tage lang gibt es in fünfzehn Städten des Erzgebirges Musik zu erleben und damit ein großes Fest in der Welterbe- und Montanregion Erzgebirge – ein wichtiges Zeichen für Sachsen, daß solche Anlässe nicht nur in den drei größten Städten aufblühen, sondern ebenso auf dem Land. Und dort getragen werden, denn es gibt zahlreiche Feste um das Fest, wie in Schwarzenberg, wo bürgerliche Initiative für zusätzlichen Glanz sorgt.

Zu Beginn war ein englisches Ensemble mit venezianischer Musik zu Gast – Gabrieli Consort und Singers mögen zwar aus London kommen, ihr Signet schmückt jedoch der Markuslöwe (Markusdom Venedig). Daß diese Zuordnung nicht nur einen Namen oder ein Etikett trägt, sondern tief verwurzelt ist, bewies das Ensemble mit seinem Gründer und Leiter Paul McCreesh in einem unvergeßlichen Konzert.

St. Marien, Marienberg, Photo: Wikipedia commons

Das Programm bestand aus der nachempfundenen bzw. rekonstruierten Krönungszeremonie, die 1595 für den Dogen Marino Grimani stattgefunden hat. Neben überlieferter gregorianischer Musik standen dabei vor allem Kompositionen von Andrea und dessen Neffe Giovanni Gabrieli im Mittelpunkt – letzterer gehörte zu den bedeutendsten Komponisten seiner Zeit, der zahlreiche Schüler aus ganz Europa nach Venedig lockte. Nicht zuletzt Heinrich Schütz, der heute als sein berühmtester Schüler gilt – so schließen sich die Kreise.

Aber fest und unverrückbar in sich geschlossen sind sie nicht, zumindest nicht bei Paul McCreesh. Ein Musizieren mit höchster Lebendigkeit kennzeichnete seine Gabrieli Consort und Singers ebenso es sein Forschen charakterisiert. Schon mehrfach hat McCreesh die Zeremonie in den letzten Jahrzehnten (!) leicht verändert, neu gefaßt, je nach neuesten Erkenntnissen. Davon zeugen aktuell zwei verschiedene Aufnahmen, bei der jüngeren von 2012 hat der audiophile Musikfreund gar die Wahl zwischen CD und LP.

Paul McCreesh und sein Ensemble stehen dabei aber nicht für eine »korrekte Aufführung«, allein auf wissenschaftlicher Information beruhend, sondern wissen ihre Zuhörer tief im Innersten zu erreichen, zu berühren. Sie spielen nicht allein Musik, sondern bilden die gesamte liturgisch-musikalische Folge der Krönung nach. So begann das Konzert mit dem eindrucksvollen Einzug von Sängern und Instrumentalisten nacheinander. Immer wieder banden gregorianische Themen die (damals) neuen Titel von Andrea und Giovanni Gabrieli, der lebendige Impuls wurde einerseits gespendet von der großen Bedächtigkeit und inneren Kraft der ruhigen Stücke, während die lebhafteren vom Voranschreiten (gleichermaßen Einzug / Prozession, Zeit und Entwicklung) gekennzeichnet waren.

Beide Ensemble sind übrigens so speziell wie selbstverständlich besetzt: während die Singers allein aus Männern bestehen (vom Countertenor bis zum Baß), setzt sich das Consort überwiegend aus Bläsern zusammen, die von zwei Orgeln begleitet werden. In beidem liegt Vielfalt: so erwiesen sich die Singers als flexibles Ensemble, das ebenso Solisten stellt, wie es in Gruppen auftritt, Kontraste hervorhebt, aber auch zum homogenen Chor wachsen kann. Ihre instrumentalen Begleiter waren nicht minder vielfarbig. Ungemein beeindruckend ist schon, wie manche der alten Instrumente (vor allem Zink) ihren Charakter ändern können, wenn sie zurückgenommen oder forciert gespielt werden. So konnte Paul McCreesh mit vergleichsweise wenig Musikern eine große Bandbreite von instrumentalen Eindrücken schaffen, bis hin zu den beiden Orgeln, die schlicht und innig begleiten konnten (Continuo) oder konzertant hervortraten. Manches Instrument schien zunächst unmerklich, wurde aber um so prägnanter: Oliver Webber spielte wechselweise die einzige Violine bzw. Viola. Innig, den Bläsern allein gegenüberstehend, fanden sich darin gleichzeitig menschliche wie himmlische Stimme.

Den Abschluß des prachtvollen Abends gestalteten Gabrieli Consort und Singers – wie es sich gehört – glanzvoll mit einem hymnischen »Omnes Gentes«, einem Extroitus von Giovanni Gabrieli.

10. September 2022, Wolfram Quellmalz

Noch bis 18. September: Musikfest Erzgebirge. Weitere Gäste in den nächsten Tagen sind das Ensemble amarcord (heute, Emmauskirche Schwarzenberg Neuwelt), Charlotte Steppes (Klavierrezital am Donnerstag in Schneeberg) und der Thomanerchor (Freitag, ebenfalls Schneeberg). Bevor der Dresdner Kammerchor am kommenden Sonntag das Fest abschließt (Schwarzenberg) darf man gespannt sein auf den mittlerweile traditionellen »Nachtklang«: am Sonnabend treffen in der Werkhalle von Porsche Werkzeugbau Schwarzenberg ganz unterschiedliche Ensemble und Genres zusammen. Mehr unter: musikfesterzgebirge.de/

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