Experiment im Experiment

»Pumpenhausmusik« des Dresdner Kammerchores am neuen Platz

Eigentlich sollte die Pumpenhausmusik #4: ERDE als Abschluß der Elemente-Saison wieder im Alten Pumpenhaus Dresden stattfinden, doch dort tat sich kurzfristig ein Terminkonflikt auf – wenige Tage vor dem geplanten Konzert stand der Dresdner Kammerchor plötzlich ohne Aufführungsort da. Ersatz war dennoch schnell gefunden: im Kultursaal des Zentralwerkes, das den Charme eines DDR-Kulturhauses noch durch an der Decke abblätternde Farbe unterstreicht. Dabei ist der Raum – im klassischen Konzertleben beinahe neu – durchaus etabliert. Eben war das Fest Literatur jetzt! gerade dort zu Hause, auch Opernprojekte (Szene 12, NMB berichteten) hatte es hier bereits gegeben.

Konzert des Dresdner Kammerchores im Zentralwerk, Leitung: Hans-Christoph Rademann, Photo: Dresdner Kammerchor, © Master Vincent Kudrus

So fand der Dresdner Kammerchor im Zentralwerk also kurzfristig eine Ausweichspielstätte, und – soviel sei bereits verraten – wird künftig wohl hierher zurückkehren. Der Raum bietet trotz seiner recht trockenen Akustik durchaus sogar Möglichkeiten einer mehrchörigen Gestaltung. Auch die Galerie, meinte Leiter Hans-Christoph Rademann in der Pause, könne man in dieses Konzept mit einbeziehen. Oder vielleicht für das Publikum? – Das wird sich zeigen.

Zunächst war (fast) alles normal, wobei die Pumpenhausmusik schon von vornherein einen etwas experimentellen Charakter einbezieht. Denn seit Teil 1(Luft) vor einem Jahr treffen dabei Musik und Texte aufeinander. Hans-Christoph Rademann und sein Konzertdramaturg Oliver Geissler versuchen, durch eine thematische Fokussierung eine Vertiefungswirkung zu erreichen, was durchaus gelingt. Dieses Mal war die Weimarer Theater-und Filmschauspielerin Ute Wieckhorst (Rezitation) mit Wortbeiträgen von Karl Krolow, Friedrich Rückert, Bertolt Brecht, Gottfried August Bürger und Clemens Brentano für diese Einordnung zuständig – das Element »Erde« sollte vielfältig »durchleuchtet« werden, durchaus spröde, naturwissenschaftlich, sinnlich, elementar. Also keineswegs zum Beispiel nur in bezug auf eine religiöse Bedeutung und mit geistlichen Werken verbunden, weshalb Kirchen als Aufführungsorte, sonst nicht zuletzt wegen ihres Nachhalls oft sehr passend empfunden, einmal nicht geeignet schienen. Wilhelm Buschs humorvolles Zu-guter-Letzt-Gedicht »Ein Maulwurf« spiegelte so eine sehr weltliche Seite der Erde wieder – man konnte es belustigt zur Kenntnis nehmen, auf das eigene Ende beziehen oder …

Bei Friedrich Rückert (»Der Sämann«) dagegen lag der »Fall« ganz anders. Zunächst ist solch romantische, verinnerlichte, balladen- und parabelhafte Verdichtung eine Herausforderung auch für den Zuhörer (mancher will es lieber selbst lesen, gesteht der Rezensent), dabei war der Text als Gedicht in einem Konzert quasi ein außerordentliches Ereignis – Friedrich Rückert wäre heute wohl viel vergessener, hätten ihn nicht so schaffensfreudige (oder -wütige) Komponisten wie Robert Schumann, Carl Loewe, Ludwig van Beethoven, Friedrich Silcher, Christian Lahusen und viele andere immer wieder und wieder vertont. In der Liedersammlung für die deutsche Jugend von 1876 hätte es »Der Sämann« sogar als Musik gegeben.

Natürlich stand diese [Musik] aber im Vordergrund. Bei William Byrds herrlichem Terra tremult (Die Erde erbebt) mußte man sich noch einhören, schon, weil es (vor der frühen ersten Lesung) zu kurz war – Byrds unglaublich schwebende Musik hat man der Gewohnheit nach unweigerlich in einer Kirchenakustik verankert. Doch schon bei Heinrich Schütz‘ »Aus der Tiefe ruf ich, Herr, zu Dir« (SWV 25) war wohl jede Besucherin und jeder Besucher ganz dabei – Heinrich Schütz ist nicht eine vorübergehende Phase des Kammerchores, sondern gehört seit nunmehr mehr als eineinhalb Jahrzehnten zu seinem immer wieder neu bespiegelten Kernrepertoir. Aufgeteilt zu zwei Chören à acht Sänger war es gleichzeitig der erste »Forschungsbeitrag« bei der Ergründung des Zentralwerkes.

Und daß die wohl noch andauern wird, wurde schnell deutlich. Zunächst gab es mit Johann Hermann Schein einen Zeitgenossen Schütz‘ – »Die mit Tränen säen« vollführte binnen weniger Verse einen emotionalen Umschwung von Tränen zu Freude zu Zuversicht. Noch größer war jedoch der Wandel (im Anschluß an die Rückert-Lesung) bei Charles Hubert Hastings Parry: »At the round earth‘s imagined corners« überraschte und erfrischte einerseits den Hörer mit seinem Text, in dem John Donne von den »vier Ecken der Erdkugel« spricht, schier unglaublich war die Spannkraft des Kammerchores, der von fast »übersteuerter« Expressivität (Trompeten, Sintflut etc.) in harmonische Beruhigung (Ruhe / Gnade) führte und schließlich ein Erblühen in Schönheit (Reue / Vergebung) darstellte.

Kaum weniger spannend waren die Lieder des zweiten Teils, wo sich Johannes Brahms und Felix Mendelssohn »trafen« – beide Romantiker, aber Brahms‘ »Dem dunklen Schoß der heiligen Erde« war schlicht, fast nüchtern auf einen beseligenden Grundzustand aus, während Mendelssohns »Ruhetal« nach großer Geste erst dorthin (ins Ruhetal) und einen Brahms‘ vergleichbaren Zustand fand.

Nicht allein von Alter Musik in die Romantik führte das Programm, es nahm mit Ernst Kreneks »Herbst« erneut einen Komponisten auf, welcher dem Kammerchor beinahe ebenso vertraut sein dürfte wie Schütz, während zwei volkstümliche Lieder Max Regers (»Die Erde braucht Regen«, mit den Männerstimmen allein jedoch etwas verloren in der Folge sowie »Das Mädchen vom Lande«) sozusagen einen Gegenpol zum artifiziellen Lied darstellte.

28. September 2022, Wolfram Quellmalz

Die nächsten Konzerte des Dresdner Kammerchores stehen bevor: am 14. Oktober wird er im Konzertsaal der Dresdner Musikhochschule den Auftakt zum Schütz-Semester gestalten, nur zwei Tage später ist er mit dem Ensemble Inégal und dem Zelenka-Festival in der Annenkirche Dresden zu Gast. Aller Voraussicht nach wird das nächste Konzert nach der Pumpenhausmusik (Name der Reihe noch nicht bekannt) am 6. Dezember wieder im Zentralwerk stattfinden.

Weitere Informationen unter: http://www.dresdner-kammerchor.de

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