Vollendet? Unfaßbar?

Kent Nagano kehrte mit Mahler zur Dresdner Philharmonie zurück

Im Mai hatte Kent Nagano mit der Dresdner Philharmonie für Aufhorchen in der Dresdner Frauenkirche gesorgt (Bruckner 6, NMB berichteten), jetzt kehrte er zurück und nahm sich im Kulturpalast ein Werk vor, das noch ein wenig größer, maßloser, unfaßbarer ist: Gustav Mahlers letzte vollendete Sinfonie. Wobei man schon sinnen kann, ob diese Neunte denn wirklich »vollendet« ist, zumindest im Sinne eines durch den Komponisten abgeschlossenen Arbeitsprozesses. Denn Mahler war die »Hürde« offenbar bange bewußt. Die daraus folgende Wechselwirkung dürfte sein Komponieren beeinflußt haben, und so läßt sich von manchem nicht sicher sagen, ob es Mahler so (frei) gewollt hat oder bestimmte Elemente dem Trotz oder Widerstand entsprangen. Immer wieder tauchen in der Sinfonie Zitate und Anlehnungen auf, wie Beginn und Finale, die sich auf eine Idiomatik beziehen, die der Komponist in seinen Orchesterliedern bereits angewendet hat. Manches andere scheint grotesk verzerrt und unwirklich – der zweite Satz »Im Tempo eines gemächlichen Ländlers« ist bestenfalls die Persiflage (des Ländlers).

Kenta Nagano am Pult der Dresdner Philharmonie, Photo: Dresdner Philharmonie, © Oliver Killig

Vielleicht ist es auch besser, sich aus diesem deutbaren, mißverständlichen Kosmos zu lösen, zumindest, wenn man Mahler interpretieren will. Kent Nagano neigt wenig zu mystischen Deutungen. Seine Kraft, Energie und Richtung bezieht er wohl eher aus dem rein musikalischen Material. Das ist gut, bewahrt es doch vor einer Überladung. Mit vielen Gästen und Akademisten vereinte er die Philharmonie (annähernd einhundert Musiker!) am Freitag in einen wandelfähigen Klangkörper, der Mahlers (Hinter)türchen öffnete und noch in dieser Riesenbesetzung für wertvolle, kammermusikalische Momente sorgte.

In weiter Ferne schien die Musik anzuheben, tiefe Blechbläser riefen sie herbei (sie kehrten später wieder). Der folgende unbelastete Liedcharakter löste sich schon bald auf – beständig ändert Mahler die Richtung, läßt Wucht auslaufen, fahl schimmernde Bläser einen Nachhall formulieren. Die Philharmonie beindruckte mit den binnen Kurzem formulierten, akzentgenauen Farbwechseln. Die knappen Übergänge gelingen immer wieder, überraschen in ihrer lebendigen Präzision. Gerade die Blechbläser mit der samtenen Horngruppe verliehen dem Werk eine besondere Emotionalität, spannten ein Feld zwischen Sehnsucht, Triumph und Tragik auf, während die Harfen (Nora Koch und Sarah Christ) einmal wundersamer Liedbegleiter waren, dann sanft pendelnd einen Rhythmus prägten (dabei im ersten Satz mit Flöte / Kathrin Bäz, Oboe / Johannes Pfeiffer und Konzertmeisterin Heike Janicke ein Spannungsfeld aufschlossen) oder mit dem Hintergrund verschmolzen. Kent Nagano ordnete das Orchester sorgsam, filterte sauber die Nuancen. Bei so viel Spannung braucht man Pausen – der Dirigent läßt zwischen den Sätzen tatsächlich reichlich »Luft«, vor dem Finale wird sogar nachgestimmt.

Der zweite Satz mäandert vielteilig, kunstvoll bis ins letzte Detail, indes: Mahler konnte ihm keineHerzlichkeit verleihen. Im Rondeau-Burleske jedoch scheint er endlich frei, wird lyrisch, schwebt beinahe scheint entspannt. Auch das Adagio beginnt mit wahrhaften Harmonien, doch die ambivalenten Wechselwirkungen kehren alsbald zurück.

Kent Nagano zeichnete solche Gegensätze und Vielschichtigkeiten vorsichtig heraus, umschiffte die Klippen der Umdeutung. Das führte ebenso zu wunderschönen Soli der Holzbläser oder der Violinen (Lukas Stepp betörte als Konzertmeister-Gast bei den Zweiten Violinen!) wie er eben kammermusikalische Brücken bauen ließ, die man sonst nur in Sonaten oder Quartetten erlebt.

So wurde im letzten Satz doch ein Puls, ein Herzschlag spürbar – was hat Mahler also geschrieben? Trugbild oder Spuk? Einen Gattungsbeitrag der Weiterentwicklung oder einen Wendepunkt?

24. September 2022, Wolfram Quellmalz

Der nächste Höhepunkt steht bereits bevor: am Freitag (30. September, 19:30 Uhr) beginnt die konzertante Aufführung von Richard Wagners »Der Ring des Nibelungen« mit dem »Rheingold«. Weitere Termine: 2. (Walküre), 8. (Siegfried) und 15. Oktober (Götterdämmerung). Mitwirkende: Dresdner Philharmonie, Marek Janowski (Leitung), Egils Silins (Wotan), Markus Eiche (Donner), Emily Magee (Sieglinde), Marina Prudenskaya (Fricka), Vincent Wolfsteiner (Siegfried), Wiebke Lehmkuhl (Erda), Catherine Foster (Brünnhilde), u. a., alle Termine und Besetzungen unter: http://www.dresdnerphilharmonie.de

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