Allein an Bord

MARIETTE NAVARRO »ÜBER DIE SEE«

»Es gibt drei Arten von Menschen« weiß die Kapitänin eines Frachters: »die Lebenden, die Toten und die Seefahrer«. Es ist weder ein Wortspiel noch die Kategorisierungen eines Katalogs. Die »Arten« hängt mit der inneren Einstellung zusammen, mit der Erkenntnis, der Selbsterkenntnis. Es gibt »Seefahrer«, die ihr Leben an Land verbringen, und »Tote«, die zur See fahren.

Da ist es schon besser, man weiß, wohin man gehört. Die Kapitänin, schlicht »sie« genannt, scheint als Seefahrerin, als Wesen fest. Schon ihr Vater fuhr zur See. Alles läuft glatt, sie hat alles im Griff, ist zuverlässig.

Leseprobe:

Sie nimmt alle Aufträge an, holt den Frachter ab, egal wo er ist, übernimmt die Bestandsaufnahme, macht Verspätungen wett. Seit einiger Zeit hat sie das Gefühl, über Samt zu gleiten, in ihrem Beruf die Geschwindigkeit einer perfekten Tanzchoreographie erreicht zu haben. Wenn sie die Augen schließt, wird der Frachter ihr eigener Köper. in sich ruhend und aufrecht. Darüber vergisst sie ganz die Wellen.

Da trägt ihr die Mannschaft (sie ist tatsächlich die einzige Frau an Bord, es gibt weder Krankenschwester noch Köchin) einen ungewöhnlichen Wunsch an – sie wollen die Reise kurz unterbrechen, um im Meer ein Bad zu nehmen.

Das Passieren der Azoren war das letzte Signal, der letzte Kontakt mit dem Festland. Sie wartete, bis sie von keiner Küste, von keinem vorbeifahrenden Handelsschiff aus mehr zu sehen waren. Dann stellten sie das Radar ab. Von hier würde nicht einmal ein Vogel die Kunde ihrer Anwesenheit überbringen können.

Als die Männer zurückkehren, sind sie einer zu viel. Ein Spiel? Ein terroristischer Akt? Eine Anomalie? Oder fällt erst jetzt eine Ungenauigkeit in den Unterlagen auf oder handelt es sich – ganz profan – um einen »Blinden Passagier?«

Sie ist zum ersten Mal allein an Bord. Die Erkenntnis elektrisiert sie und lässt sie ganz neue Möglichkeiten erahnen. Schnell überschlägt sie die Zeit, die die Männer benötigen werden, um zum Boot zurückzuschwimmen und durch die Wellen bis zur Leiter zu gelangen, die sie für sie hinunterlassen wird. Dann tritt sie von der Reling zurück, entzieht sich ihrer Sicht und verschwindet im Aufbau, der über den Containern thront.

Die Kapitänin ist verunsichert, wahrt aber die Ruhe. Weiterfahren, Termin einhalten, sehen , wie sich die Sache entwickelt, scheint ihre Devise. Aber plötzlich verändert sich etwas, unmerklich zunächst und langsam. Das Schiff – das Wesen? – hat ein Problem.

Sie hatte es mehrere Minuten angestarrt, bis das Bild verblasste, und sich dann die Augen gerieben. Es war kurz vor dem Abendessen gewesen. Jetzt auf dem Bett denkt sie wieder daran zurück, und die Ereignisse fügen sich bis zum jetzigen Augenblick zusammen: Wie kann man das Meer bereisen, ohne den Gemütszustand des Ozeans zu beachten?

Mariette Navarros kleiner Roman ist ein erzählerisches Schmuckstück. Es erzeugt keine Spannung, es braucht keine Seeungeheuer, es erkundet die Seelentiefe der Kapitänin. Manchmal gilt es nur, sich Fragen zuzuwenden, die man bisher unbeachtet ließ, oder die zwischen Kapitänen (bzw. zwischen Vater und Tochter) nie »Thema« wurden.

»Über die See« erzählt über so vieles: über »sie«, über Familie, über Schiffe, und ein wenig auch über den Leser.

Dezember 2022, Wolfram Quellmalz

Mariette Navarro »Über die See« (Originaltitel: »Ultramarines«, Quidam, 2021), Roman, aus dem Französischen von Sophie Beese, Kunstmann, fester Einband, Schutzumschlag, 160 Seiten, 20,- €, auch als e-Book (15,99 €)

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