Endlich – jetzt wird Weihnachten!

Kreuzkantor Martin Lehmann sorgt mit einem »Kreuzchor plus« für musikalischen Höhepunkt

Die regelmäßige Folge der Aufführungen des Weihnachtsoratoriums mit dem Dresdner Kreuzchor mußte in der Pandemiezeit ausgesetzt werden. Sogar der Versuch, im Januar dieses Jahres die Kantaten 1, 5 und 6 nachzuholen, mußte abgebrochen werden – wegen zu vieler positiver Tests am Aufführungstag blieb den Kruzianer nichts anderes übrig, als wenige Minuten vor Beginn abzusagen. Statt zweier gab es nur eine Aufführung, ohne Chor, nur mit den Solisten. Für den damaligen Kreuzkantor Roderich Kreile sicher eine herbe Erfahrung, schließlich wäre es das letzte Weihnachtsoratorium mit seinem Chor gewesen.

In diesem Winter ist irgendwie alles besser (zumindest als in den letzten beiden). Allerdings mußte der Kreuzchor Anfang Dezember wegen zu vieler Erkrankungen seine Konzertreise abbrechen. (Diesmal allerdings Erkältungen oder Grippe, nicht »C«.) Mancher wartete deshalb bang, ob es denn in diesem Advent (nur wenige Tage nach der abgebrochenen Reise) ein Weihnachtsoratorium geben würde, aber rechtzeitig kam die erlösende Nachricht: sie singen!

WEIHNACHTSORATORIUM MIT »KREUZCHCHOR PLUS«

Mittlerweile waren viele der Chormitglieder wieder gesund, hatten sich erholt. Dennoch blieb die Zahl der einsatzfähigen Kruzianer geringer als gewünscht. So entschied man sich, den Chor um einzelne Sänger zu ergänzen. Neben Alumni kamen Mitglieder des Vocal Concert Dresden sowie vom Kammerchor CANTAMUS hinzu. Das sprach nicht nur für eine hohe Qualität, sondern ebenso für eine Fortführung der Tradition: das Vocal Concert ist nicht nur regelmäßiger Gast in der Kreuzkirche, es war auch schon oft gemeinsam mit dem Kreuzchor im Einsatz, etwa bei den jährlichen Aufführungen des Brahms-Requiems. CANTAMUS wiederum hat ebenso mit einer superben Qualität überzeugt. Gegründet wurde der Chor übrigens 1995 von Martin Lehmann, dem heutigen Kreuzkantor

Anonymer Meister »Geburt Christi«, 18. Jahrhundert, Quelle: Wikimedia commons

So verwunderte es letztlich nicht, daß der Chor klang wie ein Chor und nicht wie drei oder wie verschiedene Ensemble. Das war schließlich doch das wichtigste, daß hier ein homogener Klang entstand, die Knabenstimmen prägend blieben, feine, lyrische Passagen und Piani präsentierten, aber mit den Eingangs- oder Schlußchören nicht minder Begeisterung »transportierten«. Das Wort, hier dem praktischen Sinn vielleicht enthoben, trifft es doch gut, denn die Begeisterung, mit der die Kruzianer dabei sind, übertrug sich nicht nur schlicht (von allein), sie wurde weitergegeben – von Herzen.

DRESDNER PHILHARMONIE ALS KULTIRVIERTER BEGLEITER

Die Begleitung der Dresdner Philharmonie gehört in die Aufführungstradition. Was nicht heißt, daß Routine ihr Spiel prägte – im Gegenteil. Auch hier wurde Begeisterung »transportiert«, also weitergegeben. Die große Erfahrung von Konzertmeister Wolfgang Hentrich hat sicher dazu beigetragen, nicht weniger Ulf Prelle, der die Continuogruppe führte. Hinzu kamen die feinen Soli von Oboe d’amore (Undine Röhner-Stolle), Flöte (Kathrin Bäz), Englischhorn (Luisa Hülsmann), welche gerade die Arien als Gesangspartner mit ausleuchteten. Ganz zu schweigen von Trompeten und Pauken natürlich, mit denen die Aufführung begann.

SOLISTENQUARTETT NICHT AUF AUGENHÖHE

Demgegenüber konnten die Solisten allerdings nur teilweise überzeugen. Enttäuschend (zumindest in der Aufführung am Sonntag) war Tenor Robin Tritschler. Der gebürtige Ire ist im Deutschen wie im Liedfach zu Hause und versiert, Berührungsängste hat er mit dem Fach sicher nicht, auch Verständnisprobleme dürften gering sein. Doch ein Evangelist ist noch einmal etwas anderes als eine Liedinterpretation, selbst wenn man nicht nach Vorbildern schaut (was angesichts der Tradition jedoch schwer auszublenden ist). Die Erwartungen erfüllte Robin Tritschler kaum, zu groß waren die in Tonhöhe und Dynamik gegebenen stimmlichen Schwankungen. Henriette Gödde (Alt) zeigte eine solide Leistung, dennoch fehlte ihren Arien der überirdische Goldglanz – »Schlafe, mein Liebster, genieße der Ruh« braucht ihn einfach (gleichwohl weiß der Rezensent, wie hoch diese Erwartung ist).

Hanna Herfurtners Leistung war makellos, wobei das Werk dem Sopran in den ersten drei Kantaten vor allem kleinere Anteile in den Duetten (Evangelist und Engel) sowie mit dem Baß (»Herr, dein Mitleid …«) zuweist. Tobias Berndt zeigte hier die größte Souveränität und das reichste Spektrum.

INSGESAMT ERFREULICH

Der Gesamteindruck blieb sehr gut, nicht zuletzt, weil Martin Lehmann nicht nur die Stimmanteile gut mischte, sondern insgesamt für Ausgewogenheit sorgte. Ob in den aufgeteilten Stimmen des Chores (Choral und Rezitativ »Er ist auf Erden arm« / »Wer will die Liebe recht erhöhn«) oder in der dramaturgischen Gestaltung, Dynamikabstufungen, gesetzten Pausen oder dichter Folge von Arien und Rezitativen. Dem Erzählfluß tat dies gut – schließlich ist das Weihnachtsoratorium ja ein Erzählerstück, eine Historie, da ist der Erhalt der Spannung maßgeblich. Und die hielt – man darf also gespannt sein auf die Kantaten 4, 5 und 6.

7. Januar 2023, 17:00 Uhr, Kreuzkirche Dresden: Johann Sebastian Bach, »Das Weihnachtsoratorium« (BWV 248), Kantaten 4, 5 und 6, Dresdner Kreuzchor (Leitung: Kreuzkantor Martin Lehman), Musiker der Dresdner Philharmonie, Solisten: Marie Sophie Pollak (Sopran), Elvira Bill (Alt), Georg Poplutz (Tenor), Andreas Wolf (Baß)

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