Wotan kehrt zurück – mit Verdi

Semperoper bringt Frühwerk »Attila« konzertant auf die Bühne

Seit Sonnabend kann man – zweimal noch – eines der frühen Verdi-Bühnenwerke an der Sächsischen Staatsoper erleben. »Attila« ist bereits die neunte Oper des noch jungen Komponisten, der sich 1846 jedoch bereits mit Werken wie »Nabucco«, »Ernani« und »I due Foscari« einen Namen gemacht hatte. Nun kommt »Attila«, wenn auch nur konzertant, erstmals auf die Bühne der Semperoper.

Konzertanter Verdi: Georg Zeppenfeld (Attila), Anna Smirnova (Odabella), Tomislav Mužek (Foresto), Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Photo: Sächsische Staatsoper, © Ludwig Olah

Und es zeigt sogleich einen typischen Verdi. Seine süffig strömenden Melodien erheben sich bereits über das reine Belcanto, schwingen sich in dramatische Höhen. Vor einer »abschließenden Wertung« sollte man sich hüten – es sei denn, man geht ebenso achtlos an »Rienzi« vorbei. Viel wichtiger als die Einordnung in einem Wertekatalog ist die Möglichkeit, ein Werk des jungen Verdi kennenzulernen – und das Sängerensemble zu erleben.

Die Semperoper wählte dafür einen etwas anderen Ablauf als bei konzertanten Opern gewohnt. Statt im Festglanz des Konzertzimmers mit den Solisten vor dem Orchester spielt die Sächsische Staatskapelle (Leitung: Jordi Bernàcer) im Graben, oben standen bis zu fünf Solisten vorn, der Chor dahinter, sofern er nicht geteilt wurde und aus dem Verborgenen erklang. Dunkel gerahmt und durch Vorhänge abgeschirmt, wiesen farbliche Hintergründe auf Tageszeit (Nacht / Sonnenaufgang) oder Stimmung hin.

Das Römische Reich zur Zeit der Spätantike: Attila und die Hunnen sind von Wotan entsandt, das Imperium zu zerschlagen. Kriegerisch und martialisch untermalt nicht nur die Musik das Geschehen, auch der Text greift es deutlich auf (»Bis zum Morgen ergötzen wir uns an abgeschlagenen Gliedern und Köpfen«, »Die Hunnenfrauen heulen zu Hause, wir Italienerinnen ziehen schwerbewaffnet aufs Schlachtfeld«). Doch schon in der Antike gehörten Friedensverhandlungen oder Absprachen zum Kriegsgeschehen – Ezio, ein römischer General, bietet Attila das ganze Reich, wenn er nur Italien behalten dürfe. Darauf läßt Attila sich nicht ein (»Du willst hoffentlich nicht schon Frieden schließen«). Verdi bzw. das Libretto nach einer romantischen Tragödie von Friedrich Ludwig Zacharias Werner binden neben einer patriotischen Idee Emotionen ein: Odabella, eine Kriegerin und Tochter des gefallenen Herrschers von Aquileia, sorgt als einzige weibliche Hauptperson für leidenschaftliche Höhepunkte. Sie ist außerdem die Verlobte Forestos, eines Ritters aus Aquileia. Als Attila schließlich in eine Falle gelockt ist, verhindert sie gar, daß man ihn mit Gift umbringt – sie will selbst Rache an ihm nehmen!

Odabella ist eine der wohl schwierigsten Figuren in »Attila«. Dirigent Jordi Bernàcer, der sich selbst leidenschaftlich für die Oper eingesetzt hat (seiner Meinung nach ein Schlüsselwerk) und dem mit der Sächsischen Staatskapelle eine sehr differenzierte Darstellung gelang, ordnen die wilde Kriegerin und Geliebte unter den Verdi-Frauen zwischen Abigaille (Nabucco) und Lady Macbeth ein. Anna Smirnova fehlte in dieser Ambivalenz zunächst eine offene Zuordnung bzw. das »Zwischendrin« – in Prolog und erstem Akt war sie betont kraftvoll und sehr auf ihre Stimmpräsenz konzentriert eher noch im Walkürenmodus, schien in Harmonie und Farbe nicht zu den anderen Solisten zu passen. Im Schlußensemble allerdings glich sich dies mehr und mehr aus. Berücksichtigt man, daß die Vorbereitung einer konzertanten Aufführung sicher weniger Möglichkeit bietet, in eine Rolle zu schlüpfen als in einer echten Produktion, darf man wohl erwarten, daß die Sopranistin ihr Potential an den kommenden beiden Abenden leichter ausspielen wird.

Nicht Walküre und auch nicht Wotan – Georg Zeppenfeld wandelt derzeit scheinbar mühelos zwischen den Charakteren. Wie seine Kollegen fand er sich stärker (oder leichter) in ein mimisches und gestisches Spiel, vom stimmlichen Glanz ganz abgesehen. Seine gediegene Sonorität verlieh dem – letztlich – unterlegenen Verlierer jenen Heldenglanz, den eine geradlinige Haltung scheinbar gerechtfertigt. Und doch verhehlte er das Wankeln nicht – angesichts Odabellas gerät Attila geradezu naiv ins Straucheln.

Andrzej Dobber kehrte als Ezio an die Semperoper zurück und zeigte sich erneut als Charakterdarsteller. Großartig war, wie er trotz konzertanter Bühne nicht allein auf den noblen Klang seines Baritons setzte, sondern Rauhheiten und zwiespältige Gefühle zuließ. Wie Georg Zeppenfeld Attila kehrte auch er Ezio als machtbewußten Führer heraus. Tomislav Mužek setzte dem jugendliche Vitalität und eine in gewissem Sinne unberechenbare Leidenschaft entgegen. Sein Foresto strebte letztlich wohl durchaus nach Macht und Ansehen, sein Handeln zwischen den Personen wurde aber von der Liebe zu Odabella bestimmt. Mužek, der zum Ensemble des Haues gehört, gelang hier (Monologszene!) eine glanzvolle Ausdeutung.

Jordi Bernàcer machte deutlich, daß man einen frühen Verdi nicht auf Belcanto reduzieren kann – er kommt vielleicht von dort, nimmt aber einen eigenen Weg. »Ruhm sei Wotan« führte nicht nur ins Schlachtengetöse mit gleißenden Flöten und Schlagwerk, es kehrte doch zu einem fast lyrischen, von feinen Holzbläsern, Harfe und Celli begleiteten Belcanto zurück (Waldszene Odabellas am Beginn des 1. Aktes).

Neben Timothy Oliver (Uldino) und Tilmann Rönnebeck (Leone), welche das Solistenensemble vervollständigten, hatte der Sächsische Staatsopernchor (Einstudierung: André Kellinghaus) vielfach Gelegenheit, eindrucksvoll zu wirken. In Stimmen oder der Stärke geteilt, aus der Ferne singend (wie teilweise auch Instrumentalisten) fand er sich in verschiedene Ebenen und Rollen (Hunnen: »Hier ist Walhall« / »Ruhm sei Wotan«, Chor der Gläubigen), was dazu beitrug, den rein konzertanten Charakter dramaturgisch aufzuwerten.

5. Februar 2023, Wolfram Quellmalz

Noch einmal am 11. Februar: Giuseppe Verdi »Attila«, konzertante Aufführung, Semperoper Dresden, Leitung: Jordi Bernàcer, mit Georg Zeppenfeld (Attila), Andrzej Dobber (Ezio), Anna Smirnova (Odabella), Tomislav Mužek (Foresto) u. a., Sächsische Staatskapelle Dresden, Sächsischer Staatsopernchor

http://www.semperoper.de

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