Brahms im Fokus

Hélène Grimaud bei den Dresdner Musikfestspielen

In den Kontrasten des Schwarz-und-Weiß der Dresdner Musikfestspiele kann man nicht zuletzt ganz unterschiedliche Pianisten erleben. Nach dem zurückhaltenden, ganz dem Notentext hingegebenen Emanuel Ax am Freitag im Palais im Großen Garten feierte mit Hélène Grimaud am Sonntagabend eine Pianisten, die einen deutlich anderen Zugriff bevorzgt, einen großen Klavierabend im Kulturpalast – Introvertiertheit kann man der Französin wahrlich nicht unterstellen, sie ist ein Star. Allerdings ein nahbarer bis hin zur Autogrammstunde, die sich lang zog – trotzdem plauderte die Pianistin freundlich mit den Besuchern.

Ihre Programme sind schon immer mehr auf die Person, die Interpretin gerichtet – warum auch nicht? Manches, was Puristen vielleicht mißfallen mag, kann ja trotzdem überzeugen. So wie ihr Bach-Programm vor sechzehn Jahren, das bereits reichliche Bearbeitungen enthielt, unter anderem von Rachmaninow – Rachmaninow darf bei Hélène Grimaud wohl nicht fehlen, und so gab es ein Études-Tableaus schließlich als erste, brausende Zugabe.

Hélène Grimaud kehrte am Sonntag in den Kulturpalast zurück, Photo: Dresdner Musikfestspiele, © Oliver Killig

Am Beginn des Programms hatte Ludwig van Beethovens Klaviersonate Nr. 30 (E-Dur / Opus 109) gestanden. Wie bei Bach gilt – Puristen werden es wohl weniger mögen. Gerade in den Ecksätzen rauscht es heftig, dann verschwimmen schon einmal die Töne (später in den Capriccios von Johannes Brahms ebenso), das Prestissimo beginnt die Pianistin mit hartem, impulsiven Anschlag – das kennt man von ihr. Ob man es mag, ist die andere Frage, doch es überzeugt durch seine interpretatorische Konsequenz, seine Wahrhaftigkeit. Grimauds Spiel ist mitreißend und betörend, spätestens, wenn sie einen traumhaft schönen Klangteppich ausbreitet wie im Andante molto.

Es sind die Emotionen und Farben, die ergreifen, wie in Johannes Brahms‘ Drei Intermezzi Opus 117. Ein anderer Pianist hätte die Zuhörer mit den Nachtstücken am Ende des Programms wohl nach Hause geschickt – Hélène Grimaud malt sie vor der Pause nonchalant und immer dunkler aus.

Um hernach bei Brahms fortzusetzen. Die Phantasien Opus 116 beginnen mit Blitz und Donner, wieder verschwimmen die Konturen (nicht nur leicht), auch im Allegro passionato. Dazwischen gönnt die Pianistin den Zuhörern ein ruhevolles Andante – sie tobt eben nicht einfach über die Tasten, ihr Spiel folgt durchaus einer Zeitvorstellung, in das Pausen und lange Noten eingeschlossen sind, das macht es dann so ruhig.

Die Intermezzi 4 bis 6 bleiben zu einem Strauß gebunden und funkeln als kleiner Edelstein im Glitzer dieses Abends, und werden schließlich noch einmal übertroffen: An den Schluß setzt Hélène Grimaud die Chaconne von Johann Sebastian Bach (aus BWV 1004), schließt sie direkt an, aber nicht in der Bearbeitung von Johannes Brahms, sondern von Ferruccio Busoni. Vielleicht weniger wegen des Mehr an Virtuosität, sondern an Expressivität. Ob Brahms das gefallen hätte? Schließlich fügte er selbst zum Beispiel seinen Händel-Variationen eine Fuge an. Hélène Grimauds Kombination scheint nicht nur authentisch, sie ist überzeugend!

Und selbst wenn die Französin etwas scheinbar Triviales spielt, wie Walentyn Sylwestrows zweite Ballade als letzte Zugabe, entsteht im Raum diese Über-Aura. Übrigens hat die Pianistin Sylwestrow schon vor Jahren entdeckt: die Balladen waren bereits 2017 auf ihrem Album »Memory«, zwei Jahre später kehrte sie erneut zu Walentyn Sylwestrow zurück (CD »The Messenger«).

22. Mai 2023, Wolfram Quellmalz

http://www.musikfestspiele.com

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s