Von Klanginseln, Windorgeln und Träumen

Musikalisch-literarischer Abend um William Shakespeare bei den Dresdner Musikfestspielen

(Zu)fluchtpunkte sind oft mit einer Rückkehr oder Imagination verbunden. Träume und Zauberer gehören zu den phantastischen Begebenheiten, mit denen und um die sich die Geschichten William Shakespeares entfalten. Aber auch reale Orte können Zufluchtpunkte werden: Dresden als Stadt etwa, wo Altus Andreas Scholl einst, noch fast in früher Jugend, mit dem Dresdner Kammerchor Erfolge feierte, oder die Martin-Luther-Kirche in der Neustadt, die immer wieder für Begegnungen über die Musik hinaus sorgt.

Am Mittwoch kam es wieder einmal zu einer solchen Begegnung: Schauspieler Matthias Brandt, Flötistin Dorothee Oberlinger, Andreas Scholl sowie der Lautenist Edin Karamazov gestalteten einen William-Shakespeare-Abend. Die Bezüge des luftigen Gewebes lieferte der englische Dramatiger bzw. war er Dreh- und Angelpunkt, denn seine Werke hatten sich vielfach in Kompositionen niedergeschlagen und fanden darin eine szenische Entsprechung.

Trotz Shakespeare war Andreas Scholl (ganz links) ein wenig ein Hauptakteur. Wie Dorothee Oberlinger (zweite von rechts) oder Matthias Brandt (ganz rechts). Edin Karamazov blieb nur wenig im Hintergrund, sorgte vielmehr für einen stabilen, klangvollen Rahmen. Photo: Dresdner Musikfestspiele, © Stephan Floss

Vielleicht war es etwas unglücklich, in der anfänglichen Unruhe mit einer Lesung zu beginnen und diese (Shakespeares »Hab keine Angst. Die Insel ist voll Klang« aus »Der Sturm«) mit der Laute zu untermalen. Da war die Atmosphäre noch durchbrochen vom Alltag, entfalteten sich die Luft- und Seelengeister nicht ganz. Aber bald schon fanden die feingesponnenen Fäden zu dichterem Gewebe, stellte sich eine Ruhe ein. Flöte und Laute hatten mit Henry Purcells »Music for a while« die Konzentration gehoben, mit einem weiteren Sonett (Nr. 8: »Der Du Musik bist, hörst Musik voll Trauer?«) war sie wie auch der Nachhall mit einem Mal stabil gegeben.

Rechtzeitig für die weniger bekannten Texte und Lieder also, denn auf John Dowlands »Time stands still« und ein sich öffnendes, äolisch eingefangenes Andante aus Johann Sebastian Bachs Flötensonate BWV 1034 konnten die weiteren Texte (»Am besten sieht mein Auge tief verdunkelt«, Sonett Nr. 43) tief wirken und manche Entdeckung wie Robert Johnsons »Have you seen the bright lily grow?« gemacht werden. Spätestens jetzt, als mit dem Schluß des Liedes die Turmuhr schlug, schien die besondere Magie des Ortes zu wirken. Oder war es die Magie, die Shakespeares Zauberer und Geister entfachten? Wohl mindestens im gleichen Maße – der Abend wurde zunehmend zur Bereicherung.

Dazu trugen manche »aus der Zeit gefallenen«, also moderneren Stücke bei, wie Imogen Holsts entzückendes kleines Vivace aus dem ursprünglich für Violoncello und Klavier geschriebenen »The fall of the leaf«. Mit Leafes (Blättern) hatte sich auch Luciano Berio in seinen Klavierstücken befaßt. Er steuerte später ein paar atemberaubende Gesten (»Gesti«) für Altblockflöte bei.

Stimmungsvoller literarisch-musikalischer Abend in der Dresdner Martin-Luther-Kirche, Photo: Dresdner Musikfestspiele, © Stephan Floss

Im Wechsel mit den gesungenen und gesprochenen Texten sorgten die beiden Instrumente nicht nur für Ausgleich oder einen Moment, in dem sich eine Botschaft der Worte »setzen« konnte, sie entfachten ihrerseits eigene Welten, imitierten einander und verflochten ihre Stimmen.

Jene von Andreas Scholl und Matthias Brandt fanden im Song »When that I was a little tiny boy« zueinander – Scholl bot das historische Lied a cappella, Brandt lieferte den deutschen Text nach. Lebensglück, Lebensphasen, das Alter – in Shakespeares Werken vermittelt sich die Weisheit noch in Ausschnitten und Fragmenten (Sonett Nr. 29 »Wenn Glück und Publikum die Gunst entziehen«)!

Derart sensibilisiert, konnte man in manchem, wie John Dowlands historischem Entschuldigungslied »Can she excuse my wrongs«, mit dem er Königin Elizabeth I. um Vergebung bat, die Hoffnung auf einen Lebensneuanfang entdecken.

Von wegen »Nebenfigur«! Andreas Scholl, Dorothee Oberlinger und Matthias Brandt lauschen Edin Karamazovs Spiel. Photo: Dresdner Musikfestspiele, © Stephan Floss

Mit einem »A silent ground« aus »The division violin« eroberte Dorothee Oberlinger als Solistin das Publikum für sich. Für ein paar Titel gab es Zwischenapplaus, bevor der ununterbrochene Bannkreis von Shakespeare wieder geschlossen war. Dabei hätte man ihn auch ein wenig öffnen können – Antonio Vivaldi hatte seinen »Jahreszeiten«, aus deren Herbst und Winter einige Anklänge als Gewand für Jahreszeitliche Texte Shakespeares (Sonett Nr. 98: »Von Dir lebt ich getrennt, als Frühling war« und Nr. 73: »Den späten Herbst kannst Du in mir besehen«) dienten, eigene Sonette vorangestellt.

Das Quartett bot einen Reigen an Weisheiten und Träumen, schloß den Kreis mit Adam Kriegers »Abendlied. Nun sich der Tag geendet hat« und boten »Die ganze Welt ist Bühne.« (aus »Wie es euch gefällt«) und noch einmal gemeinsam die Erinnerungen aus »When that I was a little tiny boy«.

28. Mai 2026, Wolfram Quellmalz

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