Viel Zeit für ein überschaubares Ergebnis

Film »Die Stadt ohne Juden« in der Semperoper

Mancher war am Donnerstag vielleicht gespannt auf eine Wiederbegegnung mit der Capell-Compositrice von 2022 / 23, aber die Komponistin war in der Semperoper ebensowenig anwesend wie Musiker der Sächsischen Staatskapelle. Die Vorführung von Hans Karl Breslauers Stummfilm »Die Stadt ohne Juden« von 1924 im Rahmen des Jahrs der jüdischen Kultur in Sachsen (»Tacheles«) mit der neu geschriebenen Musik österreichischen Komponistin wurde vom Instrumentalensemble PHACE – Ensemble für neue Musik begleitet.

Eine etwas andere Erwartung hatten manche ebenso in bezug auf den Teil der angekündigten Lesung. Nicht erklärende Texte oder vorgelesenen Schrifttafeln waren damit gemeint, sondern jene Szenen aus Hugo Brettauers Roman »Die Stadt ohne Juden«, die dem Film zugrunde liegen. Eine dreiviertel Stunde las Jörg Schüttauf – gut vorgetragen, doch teils eilig, was spätestens, wenn im Wiener Dialekt gesprochen wurde, die Verständlichkeit erschwerte. Vor allem: bis zur Pause gab es weder Musik noch eine gegenüber der Ankündigung und Inhaltsangabe des Programmheftes wesentliche (notwendige) Bereicherung.

Filmszene aus »Die Stadt ohne Juden«, © Filmarchiv Austria, Adam von Mack / Avenger Team

Der Film mit dem so spektakulär klingenden Titel erwies sich eher als banal. Er erzählt, wie in einer imaginären »Republik Utopia« die Juden, die anderen die Arbeit wegnehmen und wegen ihrer geistigen Überlegenheit alles besetzen, ausgewiesen werden, nach drei Jahren aber zurückkehren dürfen, weil im Land wesentliche Wirtschaftsfaktoren eingebrochen sind – na, das ging ja noch einmal gut!

Was Olga Neuwirth an dem Buch während der Zeit ihrer Identitätssuche begeisterte (sie bezeichnet es als »hellsichtig und visionär«), läßt sich anhand der im Film adaptierten Szenen nicht nachvollziehen. Sie greifen zwar das prekäre Thema auf, entwickelt daraus aber keinerlei Brennpunkt. Das mag sich im Roman, der über 200 Seiten lang ist, vielleicht anders darstellen, allerdings war der Autor vor allem mit Unterhaltungsliteratur wie Kriminalgeschichten und Fortsetzungsromanen bekannt und erfolgreich. Darüber hinaus arbeitete Hugo Brettauer als Journalist (Kriegsberichterstatter, Entdeckungsjournalismus) und gab die Zeitschrift »Er und Sie« heraus, in der er sich aufgeklärt, fortschrittlich und freizügig zeigte. Nach einem Pressestreit und dem Versuch eines Prozesses gegen Brettauer wegen dieser »Sittenlosigkeit« wurde der Herausgeber in seiner Redaktion angegriffen und erschossen. Daß der Angreifer Nazi war, ist ebenso eine historische Fußnote wie die spätere Mitgliedschaft des Regisseurs in der NSDAP – eine Einordnung dazu gab es am Donnerstag nicht.

Der Film konnte erst vor zehn Jahren nach Auffindung einer zweiten Quelle in Originallänge restauriert werden. Die digitale Bildqualität ist teils so gut, daß Cineasten die charmanten Flecken, Risse und das Flackern echter alter Filmrollen vielleicht vermißt haben. Doch es ging im wesentlichen ja um die Musik. Von Olga Neuwirth war im Rahmen ihrer Residenz im Portraitkonzert die Musik zum Stummfilm »Symphonie Diagonale« gespielt worden (leider ohne den Film), der übrigens im gleichen Jahr wie »Die Stadt ohne Juden« entstanden ist. In diesem Fall war der Komponistin eine Synthese aus Bild und Ton oder speziell Geräusch gelungen. In »Die Stadt ohne Juden« herrschte das Geräuschhafte mit einem hohen Anteil von Einspielungen ebenso vor. Szenisch war dies trotzdem nur teilweise gelungen, zudem hat die Komponistin der Musik die bindende Wirkung manchmal entzogen, sie setzte auch erst nach dem Vorspann ein. Zwar ist dieser nicht der historische, sondern für das Projekt neu entstanden, trotzdem fehlte ohne die Musik ein Stück Einstimmung.

Die acht Musiker des Instrumentalensembles PHACE – Ensemble für neue Musik erfüllten ihre Aufgabe als Klang- und Geräuschkulisse unter der Leitung von Nacho de Paz allerdings souverän. Manchmal kamen von hier mehr grelle Farben und groteske Ausmalungen, als der Film bereithält, der letztlich ein Unterhaltungsprodukt blieb und selbst den typischen jüdischen Witz nur selten aufgriff. Dabei wäre eine Betrachtung, wie im Film Symbole und Stichworte verwendet wurden (Klischee? Antisemitismus in der Darstellung?) ebenso eine Aufarbeitung wert. Über diesen Mangel bzw. die Harmlosigkeit konnten selbst so bekannte Schauspieler wie Johannes Riemann, Eugen Neufeld und Hans Moser nicht hinwegtäuschen, auch wenn Moser alias Rat Bernart in einer Irrenanstalt und dem Wahn endet, er sei Zionist – war das eine damalige Pointe? (Manche Deutung oder Prophezeiung der Filmhandlung schien eher naiv.) Die verzerrte Einspielung von Hans Mosers Heurigenliedern, als Rat Bernart in angetrunkenem Zustand seinem Ende zusteuert, konnte man auch als pietät- oder geschmacklos empfinden. In Mosers Biographie spielte der Film übrigens offenbar keine große Rolle.

So blieb trotz aller wichtigen Stichworte, der neuen Erfahrung und gerade wegen des bedeutenden Themas ein fader Geschmack nicht ausreichender Aufarbeitung. Das »hellsichtige und visionäre«, das Olga Neuwirth entdeckt hatte, ließ sich nicht finden, weil die Konsequenz, die Moral ausgeblieben waren – im Grunde also belanglos? Bei einem fast drei Stunden langen Abend enttäuschend.

29. Mai 2926, Wolfram Quellmalz

Hinterlasse einen Kommentar