Spannend und kurz

Aufführungsabend der Sächsischen Staatskapelle mit zwei deutschen Erstaufführungen

Für Neugierige bot dieser Abend gleich drei Anreize: die Entdeckung des in Warschau geborenen Komponisten Mieczysław Weinberg gilt es derzeit immer noch nachzuholen – beide am Montagabend in der Staatsoper aufgeführten Werke waren hierzulande bis dato ungehört geblieben. Und nebenbei brachte das Konzert den Dirigenten Thomas Sanderling wieder einmal ans Pult der Staatskapelle – nach über vierzig (!) Jahren.

Daß dennoch einige Plätze im Zuschauersaal freiblieben, war enttäuschend und läßt sich weder durch Wetterkapriolen noch durch mangelnden Mut (den gesperrten Theaterplatz zu überqueren oder die unbekannten Stücke zu hören) erklären – wer nicht kommt, läuft Gefahr, etwas zu verpassen!

Mieczysław Weinbergs Schaffen ist eng verbunden mit dem Trauma desjenigen, der überlebt hat. Das trifft in seinem Fall gleich mehrfach zu: Flucht, Vertreibung, Stalin-Diktatur – seine Schwester und die Eltern hat Weinberg schon früh verloren. Zweifel und Angst scheinen seinen Werken, die sich kaum von dunkler Bedrohung befreien können, immanent. Und dennoch offenbaren sie eine Suche nach Leben und Licht, wie das Flötenkonzert Opus 148. Gleich mit dem Beginn entfaltete sich der Gesang des Solisten (Kapellmitglied Andreas Kißling), beinahe schien es, er wäre aus der Zeit gefallen, so unbefangen kam es daher. Der Flöte setzt Weinberg Fragefiguren des Orchesters entgegen, bedrohliche Bässe, doch der Solist bleibt standhaft wie der Rufer im Wald – nicht nur hier erinnert Weinberg an Werke Dmitri Schostakowitsch, in denen sich ebenfalls die Gegensätze von Individuum und Macht wiederfinden lassen. Dennoch malt Weinberg kein düsteres schwarz-weiß-Bild der Gegensätze, nehmen die Violinen den heiteren Flötenton auf. Den zweiten Satz Largo gestaltete Andreas Kißling frei im Stile einer Phantasie. Die Positionen Solist bzw. Akteur und Masse / Gegenspieler löst Mieczysław Weinberg immer wieder auf, findet im Orchester neue Duopartner, wie die Klarinette, welche der Flöte Widerpart gibt. Anklänge an Flötenwerke Johann Sebastian Bachs im letzten Satz fördern die lichte Lebhaftigkeit Weinbergs noch weiter.

Nicht anderes in seiner Sinfonie Nr. 7, einer Kammersinfonie für Streichorchester und großes Cembalo, viele Jahre vor dem Flötenkonzert entstanden. Weinberg nimmt auch hier Rückgriffe auf traditionelle Formen und Spiegelungen wie die Suite, schafft aber gänzlich neues. Selbst das Cembalo wirkt  wie ein musikalischer Fremdkörper. Jobst Schneiderat prä- und postludierte, meist allein, bevor oder nachdem die Streicher den Faden (wieder) aufnahmen. Erneut zeigte sich der Komponist voller heiterer, treibender Ideen, schien tänzerische Schritte zu beflügeln, gleichwohl auch in der Sinfonie bedrohliche Motive heraufschimmern.

Allein an Ideen, Vielfalt und Klang war dieser Abend eine Entdeckung – er hätte noch mehr enthalten sollen als zwei kaum halbstündige Stücke. Er hat auf jeden Fall neugierig gemacht auf das nächste Weinberg-Projekt am Hause: im Juni feiert »Die Passagierin«, die erste Oper des Komponisten, Premiere.

Tip: Mieczysław Weinberg »Die Passagierin«, Musikalische Leitung: Christoph Gedschold, Inszenierung: Anselm Weber, mit Christina Bock, Jürgen Müller, Barbara Dobrzanska und anderen, am 24. (Premiere) und 30. Juni sowie am 5. und 9. Juli 2017

31. Januar 2017, Wolfram Quellmalz

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