»Was die Grazien verlangen und die Musen beflügelt«

La Folia Barockorchester läßt Henry Purcell aufleben

Kaum vorstellbar: Henry Purcell (1659 bis 1695), der »Orpheus britannicus« und bedeutendste englische Komponist der Geschichte (neben Georg Frideric Handel), wird mit einer Häufigkeit aufgeführt, die einem vergessenen Kirchenkomponisten anstehen würde – aber ein Meister vom Rang Purcells?!… Immerhin tauchen seine Werke, Anthems oder konzertante Ausschnitte aus Opern in manchen Konzertprogrammen auf, wenn auch zu selten. Betrachtet man noch dazu seine Opernwerke im ganzen, auf denen sich Purcells Ruhm maßgeblich gründet, wird man schnell enttäuscht. »Dido and Aenaeas« kommt alle paar Jahre einmal auf eine Bühne, vor einiger Zeit gab es den Versuch einer »King Arthur«-Inszenierung – am Staatsschauspiel Dresden wohlgemerkt. Was uns damit (bzw. ohne) vorenthalten wird, kann erahnen, wer am Sonntag in der Dresdner Annenkirche das Konzert des La Folia Barockorchesters besucht hat.

Das Programm bot einen Querschnitt aus verschiedenen Bühnenwerken Henry Purcells, »Semi-Operas«, also Werken, die aus gesungenen und gesprochenen Texten bestehen sowie aus Schauspiel und Tanz. Doch der Begriff irritiert – so weitab von unserer Operntradition mit Rezitativen und Arien ist die Form der Semi-Opera nicht. Und Ballett ist in Frankreich seit jeher Bestandteil der Oper. Der programmatische Rahmen führte durch kriegsfreudiges Schlachtengetümmel, das aber durchaus nicht nur fröhlich ist – das Blut der Gegner sollte den Erdboden tränken. Doch auch Geister, Hexen und Sehnsüchte rückten ins Zentrum der Musik. Keine Handlung »am Stück« zwar, aber ein Verlauf, der vom Krieg zum Friedenswunsch führte.

Kämpferisch beginnt »King Arthur« (am Ende werden aber Licht und Liebe siegen) – das La Folia Barockorchester stimmte seine Zuhörer mit der Sinfonia nicht nur ein, sondern riß sie mit. Ein kleines Sängerensemble belebte dann die Arien uns Szenen: als Sopranistin war Anna Prohaska gewonnen worden, sie hatte schon 2012 Auszüge aus Purcells »The fairy Queen« für ihre CD »Enchanted Forest« aufgenommen und im vergangenen Jahr Arien für Dido und Aenaeas nachgelegt. »Serpent and Fire« enthält Werke von Purcell, Locke, Händel und anderen. An ihrer (Prohaskas) Seite und stets ebenbürtig: Altistin Julia Böhme, Richard Resch (Tenor) und Nikolay Borchev (Bariton).

Die Klangfarben eines Barockorchesters sind deutlich reicher und vielfältiger als die eines modernen Sinfonieorchesters, das sicherlich homogener und strahlender klingt. Strahlen konnte La Folia dennoch, wozu schon die instrumentalen Zwischenstücke einluden. Feuer und Gefecht entfachte das Orchester ebenso mühelos wie Frost und Starre.

Für Gänsehaut sorgten aber natürlich die Arien, allen voran Anna Prohaska, die sich als Betörerin und Sirene erwies – da hülfe kein Wachs in den Ohren, es würde ohnehin schmelzen! Wenn sie als Philidel »Hither, this way« (»Hier entlang, nehmt diesen Weg«) sang, wer wollte ihr da nicht folgen? Doch die Betörerin ist gefährlich, vor allem, wenn sie offensichtlich neckt und sich mit Geistern verbündet. Man würde vermutlich offenen Ohres in sein Verderben stürzen – wie gut, daß es »nur« ein Konzert war! Nicht auszudenken, man begegnete Anna Prohaska in einem Zauberwald…

Nicht weniger gefährlich erschien Julia Böhme als Zauberin in der Hexenszene aus »Dido and Aenaeas«. Wie macht sie es nur, so mühelos und elegant den Raum zu durchfluten, ohne dabei mit Kraft oder Volumen aufzutrumpfen? Kraft war hier allenfalls vonnöten, wenn es ins Gefecht ging oder mobilisiert wurde – was aber meist Tenor und Bariton vorbehalten war. Vor allem Nikolay Borchev hatte zahlreiche Gelegenheit, trotz der Sommerhitze und der warmen Luft in der Kirche sein Publikum vor Frost erstarren zu lassen. Eine Erstarrung, die schnell gelöst wurde – wenn Anna Prohaska den Klagegesang um den verlorenen Liebsten anstimmte (»O let me weep!« / »Oh laß mich für immer weinen!«), rührte das in der Tat zu Tränen und ließ jedes Eis oder Herz schmelzen.

Aufgelockert wurde die Folge durch ein fremdes Werk: Heinrich Ignaz Franz Bibers »Battaglia à 10«, in dem »Die liederliche Gesellschaft von allerley Humor« als musikalischer Spaß hervorstachen. La Folia konnte nicht nur mit exquisiter Musikalität bestechen, sondern vermittelte, was die Musik vermag: sie geht zu Herzen, appelliert an unsere Sehnsüchte und Empfindungen. Dabei konnte das Orchester auf die zeitgemäß passenden Schlagwerke ebenso vertrauen wie auf formidable Blech- und Holzbläser. Und wenn es nötig war, konnten Bögen auf Saiten oder Hände auf Zargen schlagen, um die Stimmung aufzuheizen – die »Fantasia upon one note« vermochte das Publikum in Eiskristallen einzuschließen. Von feinem Geschmack zeugten aber nicht nur die exzellent verarbeiteten Effekte, sondern der generelle Wohlklang und ein superbes Violinconsort.

Mit ihrem Gesang bestachen vor allem Anna Prohaska, die mit Nuancen eine ganze Welt umfärben kann, und Nikolay Borchev, dessen Konsonanten elegant und geschmeidig klangen oder eben energisch anzutreiben und aufzurauhen vermochten.

Das Publikum folgte dem mit höchster Aufmerksamkeit (nahm auch die »geschlagenen Sachsen« aus »King Arthur« nicht persönlich) und unterbrach nirgends mit Applaus. Am Ende gab es für die entzündliche Musik Henry Purcells dafür um so mehr. Mit einer Wiederholung des »Hither, this way« revanchierten sich Sänger und Orchester – so groovig kann Purcell klingen!!!

12. Juni 2017, Wolfram Quellmalz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s