Annäherung an Luther (?)

Musikalisch-literarischer Abend im Palais im Großen Garten

Mit Texten Martin Luthers, gelesen vom Schauspieler Martin Brambach, und Musik nahmen sich die Dresdner Musikfestspiele ein weiteres Mal des 500. Jahrestages der Reformation an. Flautando Köln trugen als Quartett zum Abend bei, als Ensemble von vier Flötistinnen oder mit dreien und Gesang (Ursula Thelen). Wie meist, wenn Blockflötenspieler anreisen, hatten die vier Damen (außerdem Susanne Hochscheid, Katrin Krauß und Kerstin de Witt) gleich viele Modelle dabei, nicht nur in allen möglichen Stimmlagen zwischen Piccolo und Subbaß, sondern auch in diversen Bauformen, von der Renaissance- bis zu den modernen Paetzold-Flöten. Mit derlei Ausrüstung sorgten sie in der Pause für gehöriges Publikumsinteresse und manche Fragen.

Flautando Köln spielte vor allem Musik aus dem ersten Jahrhundert der Reformation, Stefan Bauer und Torsten Müller sorgten für eine Begleitung mit Vibraphon, Trommeln und anderen Schlagwerkzeugen. Stefan Bauer hatte außerdem drei Luther-Choräle (»Nun freut euch, lieben Christen g’mein«, »Verleih uns Frieden gnädiglich« und »Mit Fried und Freud ich fahr dahin«) bearbeitet und ein Stück ins 21. Jahrhundert versetzt. Statt eines klassischen Consorts als Begleitung interpretiert er die Werke instrumental und mit einem »Mix« von Flöten unterschiedlicher Bauart, der gesungene Text setzte erst später ein.

Viel stärker stand der Text natürlich in den gelesenen Teilen im Fokus. Martin Brambach trug aus Schriften Martin Luthers vor, schlüpfte in dessen Rolle. Doch die Persiflage der Predigten paßte nicht ganz – während die Person Martin Luther in den letzten Jahren mehrfach »durchleuchtet« und kontrovers diskutiert wurde, man den Verdienst ebenso herausstellte, wie auch antisemitische, fremden- und frauenfeindliche Äußerungen nicht ausgeschlossen wurden, fehlte hier der Teil der ernsthaften Auseinandersetzung. Luthers Schmähung des Papstes oder sein Traktat über »das Weib« waren schließlich von ihm ernstgemeint und keine Kalauer – die Belustigung am Konzertabend schien da deplaziert. Viel besser und durchaus humorig – jetzt berechtigt – gelang nach der Pause die Lesung aus Briefen mit Musik der Zeit, jeweils gesungen von Flautandistin Ursula Thelen.

Zu den musikalisch gelungenen und auch reinsten Momenten, welche am besten wirkten, gehörten jene Stücke, die vom Flötenquartett allein oder mit einer einfachen Perkussionsbegleitung (Torsten Müller) vorgetragen wurden. Manches versetzte klanglich in jene Zeit der Reformation (soweit man dies heute so empfinden kann) – die Blockflöten erinnern im Zusammenklang an alte Orgeln mit Holzpfeifen. In Arvo Pärts »Da pacem domine« konnte man (scheinbar) Melodie und Baßbegleitung des Pedals hören – nur das charakteristische Geräusch der alten Mechanik fehlte.

17. Juni 2017, Wolfram Quellmalz

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