Wenn Gedanken tragen

Mahler Chamber Orchestra mit Daniele Gatti und Christian Tetzlaff in der Frauenkirche

Der Auftritt des Mahler Chamber Orchestra mit seinem Leiter Daniele Gatti war sicher als einer der Musikfestspielhöhepunkte erwartet worden. Das Programm mit zwei Beethoven-Sinfonien und Alban Bergs Violinkonzert versprach in der Tat viel – Orchester, Dirigent und Solist wußten das Versprechen einzulösen.

Mit den Nummern zwei und sechs standen zwei der »schönen« Sinfonien Ludwig van Beethovens im Programm – keine schroffen Blöcke, keine Schicksalsakkorde. Gleichwohl ist Beethoven Beethoven und auch in der »Schönheit« nicht auf pittoreske Anmut zu reduzieren. Und so ist schon Opus 36, das gegenüber den gewichtigen Werken drei, fünf oder neun manchmal zurückgesetzt scheint, mit Gedankenfülle angereichert.

Nun ist eine Kirche in der Regel kein idealer Aufführungsort für großbesetzte Werke, doch erwies sich Daniele Gatti als umsichtiger Navigator, so daß der typische Nachhall nur bei in wenigen Streicherpassagen (Larghetto 2. Sinfonie) zu übermäßiger Schwebung führte. Er bündelte gezielt, ließ Freiraum, nahm den Orchestersolisten nicht ihre Verantwortung. Mit einem Fingerzeig sorgt Gatti für gegenseitiges Achtgeben, statt einen strikten Kurs zu definieren. Wenn es ein gemeinsames Verständnis gibt, wie es beim Mahler Chamber Orchestra der Fall zu sein scheint, führen solche Freiheiten nicht zu diffusem Klang, sondern zu einer luftigen Interpretation. Vor allem Larghetto und Scherzo waren davon geprägt, während die Ecksätze klare Konturen setzten.

Christian Tetzlaff spielt nicht nur auf einem modernen Instrument, er ist der zeitgenössischen Musik besonders zugewandt. Und dies ist nicht nur mit Verständnis und Sendbotschaft. Alban Bergs Violinkonzert »Dem Andenken eines Engels« ist einem geliebten, zu früh verlorenen Menschen (Manon Gropius) gewidmet. Entsprechende Sorgfalt bei der Wiedergabe vorausgesetzt, wird dies unmittelbar – so am Donnerstagabend in der Frauenkirche. Der Solist war hier vom Orchester umgeben, aufgenommen, dennoch blieb die Gegenüberstellung akustisch erhalten. Den Violinpart erfüllte Christian Tetzlaff nicht nur mit feiner Artikulation der Klage, kristallklarer Prägnanz, er formulierte das Liebevolle der Erinnerung. Daniele Gatti fand mit dem Orchester zu außergewöhnlicher kammermusikalischer Dichte, die auch im Tutti oder bei dominierenden Blechbläsern nicht verlorenging. Was besonders berührte, war die Fragilität des Klangs, den Christian Tetzlaff beschwor und der vom Orchester getragen wurde.

Für seine Zugabe folgte Christian Tetzlaff diesem Ansatz, nun aber mit aufwärts gerichtetem Melodiegedanken: das Largo aus Bachs Sonate BWV 1005.

Derart von Innerlichkeit geleitet, stellte sich die Rückkehr zu Beethoven mit dessen »Pastorale« nicht als Bruch dar. Fernab gewöhnlicher naturalistischer Klangbilder zeichnete das Mahler Chamber Orchestra eine traumverlorene Szenerie – Daniele Gatti kann offenbar auch den Hauch der Windstille musikalisch umsetzen. Die blitzsauberen Bläser (was für ein Horn!) waren nicht anderes als traumhaft.

16. Juni 2017, Wolfram Quellmalz

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