In zwei Sichtweisen

Musikbrücke Prag – Dresden beginnt die neue Spielzeit

Im Rahmen des Prologes zu den Tschechisch-Deutschen Kulturtagen gaben das Collegium 1704 und der Chor des Collegiums Vocale 1704 am Montag ihr erstes Konzert in der neuen Saison. Erneut war dies eine Gelegenheit, die Vergangenheit sinnenreich zu erkunden. Vor allem ist es immer wieder berückend, diese Sänger zu hören, den Wohlklang dieses Chores, der einerseits eine Gemeinsamkeit und Gesamtheit kennt, sich aber dennoch aus individuellen Solisten zusammensetzt, welche auch einzeln auftreten.

Jan Dismas Zelenkas Missa Omnium Sanctorum (ZWV 21) stand nach 2012 zum zweiten Mal auf dem Programm (bis auf Tenor Václav Čižek waren die Solisten andere), dem hatte Leiter Václav Luks Johann Sebastian Bachs Messe in g (BWV 235) vorangestellt. Beide Messen bezogen sich also auf den gleichen Text, wobei der Protestant Bach mit Cum sancto Spiritu, also dem Sanctus ohne Hosanna und Benedictus abschließt, während Zelenka vom gesamten Messeumfang nur das Ite, missa est ausgelassen und im Dona nobis pacem den Schlußpunkt gesetzt hat.

Protestantisch oder katholisch – welche Lesart soll es denn sein? Die strengere, verinnerlichtere, mehr auf den Geist bezogene oder die emphatische, jubelnde, an dramaturgischen Kniffen und Wechseln reiche Auslegung? Eine Entscheidung ist wohl ebenso schwer wie die eben genannte Einteilung zu eindeutig ettikettieren würde. Denn schon Bachs Kyrie eleison, Christe eleison ist ein zugewandter Jubel die beiden Collegia statteten den Gedanken mit angemessene Emphase aus, welcher der gedanklichen Konzentration nicht abträglich war, das Publikum aber dennoch mitzureißen vermochte. Dem Wort galt dennoch vor allem Klarheit, von Jaromír Nosek (Baß), Aneta Petrasová (Alt) Václav Čižek meisterlich wiedergegeben. Belebt wird das Werk auch immer wieder von den musikalischen Partnern, vor allem der Solo-Oboe (Katharina Andres), aber ebenso dem Orchester. Der samtene Klang der Streicher (mit Konvexbögen und Darmsaiten) war ein Genuß, und wenn sie den »Gesangsfaden« wieder aufnahmen, um beispielsweise eine Textwiederholung einzuleiten, standen sie der Altistin hinsichtlich der warmen Ausstrahlung in nichts nach. Das abschließende »Amen« erklang akzentuiert und überraschte etwas in seiner Knappheit.

Ähnlich knapp gestaltete Václav Luks das »Amen« in Zelenkas Credo, jedoch »saß« es hier noch besser, da sich der gewünschte Effekt des Nachhalles deutlicher einstellte.

Jan Dismas Zelenka hat seine Messe mit deutlich mehr und intensiveren Gefühlslagen ausgestattet, die sich in der Aufführung nicht nur ins Bitten steigerte, sondern schon zu Beginn eine freudvolle Zuversicht (und Lebenszugewandtheit) verströmte. Aleksandra Lewandowska (Sopran) fand im Qui tollis zu einem schwebenden Ton, welcher den Erlösungsgedanken einzuschließen schien. Immer wieder überraschten und beeindruckten aber die (scheinbaren) Charakterwechsel, vor allem zwischen den vom Chor bzw. den Solisten vorgetragenen Versen. Die Quoniam tu waren prägnante Beispiele, Altistin Aneta Petrasová verlieh ihrem Part dabei eine große Leichtigkeit. Während die übrigen Solisten die gleichen waren wie bei Bach, übernahm Michael Dembiński nun die Baßsoli. Zelenka hatte solche im Credo nicht in Arien herausgestellt, sondern eng mit dem Text und den Chorstimmen verwoben, indem er einzelne Zeilen heraushob. Michael Dembiński fügte sich hier mit besonders lyrischem Timbre wunderbar ein. Immer wieder setzte aber das Orchester auch markante Betonungen, und sei es durch den formidablen Basso continuo.

Überhaupt – Orchesterfarben. Mancher Zuhörer konnte kaum glauben, daß keine Trompeten und Pauken zu sehen waren, vermeinte er sie doch zu hören. Dem Collegium gelang hier mit tiefen Streichern und Orgel eine eindrückliche Imitation!

3. Oktober 2017, Wolfram Quellmalz

Tip: Das nächste Konzert des Collegiums 1704 mit dem Collegium Vocale 1704 findet am 25. November, dann im Rahmen des Epiloges der Tschechisch-Deutschen Kulturtage in der Annenkirche statt. Zur Aufführung kommen dann unter dem Titel »Singet dem Herrn« Werke von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Georg Philipp Telemann

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