Klaviermatinée Residenzpianisten

Denis Matsuev erstürmt das Publikum in der Semperoper

Als »körperlichen« Pianisten hatte ihn das Programmheft bereits angekündigt – Denis Matsuev spielte mit Einsatz, bezog seinen Ton nicht nur aus den Fingern heraus, sondern nahm die ganze Körperspannung darin auf. Er kam auch nicht in den Saal wie andere – viele neigen zu einer Form des Schreitens – sondern rannte fast, stürmte zum Flügel, als könne er selbst es kaum erwarten, und legte los…

Peter Tschaikowskis »Jahreszeiten« begannen am Kamin (Januar) mit prasselnden Holzscheiten. Bildgewaltig spielte Matsuev, holte weit aus, formte und schuf Tongebirge. Immer dann, wenn die Bilder farbenreich und glutvoll waren oder ihnen eine wiegende Rhythmik innewohnte, war er am besten, im »Karneval« (Februar) stoben regelrecht die Funken! Und auch der »Schnitter« sang lauthals und fröhlich – man kann nur vermuten, daß es ein frecher Text gewesen sein muß. An Temperament mangelte es dem Pianisten also nicht, im Gegenteil. Manches Bild zerbröselte beinahe bei kräftigem, stampfendem Pedaleinsatz – ein paar Grade über »üppig«. Den Jahreszyklus faßte Denis Matsuev jedoch gekonnt zusammen, band, was sich thematisch fügte (»Schnitter« / Juli und »Ernte« / August). Wo es wiederum einen Wechsel im Thema oder Temperament gab, ließ er Platz für kleine Zäsuren.

Gefühlvoll blieb der Pianist noch im leisen, das »Lied der Lerche« (März) und »Barcarole« (Juni) entfalteten sich sanft, dagegen vermochte er nichts hinzuzufügen, wenn es schlicht wurde. Das »Herbstlied« konnte nicht berühren.

Ungewöhnlich war das Programm zusammengestellt, denn Tschaikowskis »Méditation«, welche den Bilderreigen sozusagen fortgeführt hätte, stand im zweiten Programmteil allein zwischen Beethoven und Prokofjew. Für den Wiener Klassiker schien ein anderer Pianist die Bühne betreten zu haben. Zwar ähnlich körperlich im Auftreten, ließ er sich nun aber Zeit, zur Ruhe zu kommen und im Saal Ruhe einkehren zu lassen. Geradezu verhalten näherte er sich dem Opus 110, Ludwig van Beethovens vorletzter Klaviersonate. Ganz ohne Stampfen und den eruptiven Impetus vor der Pause erklangen die Sätze, forschte der Pianist den Stimmen nach, legte die Fuge geradezu plastisch offen – es war das vielleicht überraschendste Stück des Abends. Daß es dennoch eher eine Annährung als eine Erkenntnis war, merkte, wer den direkten Vergleich noch im Ohr hatte (etwa zu Rudolf Buchbinder), auch faserte das abschließende Allegro dann doch ein wenig aus.

Mit der Überleitung Tschaikowski gelangte Denis Matsuev schließlich zu Sergej Prokofjews Klaviersonate Nr. 7. Martialisch, halsbrecherisch, unbändig schrie er sie hinaus, ließ die Noten tanzen und zürnen. Mit seiner Impulsivität entzieht sich das Werk jeder bildhaften Deutung, Matsuev tobte durch ihre metallischen Strukturen, das grenzte an Gewalt!

Derart mitgerissen, feierte das Publikum den Pianisten, der seinerseits aber in einen Rausch gekommen zu sein schien und sich vier Zugaben (!) aber ein wenig »holte«. Eine eindrückliche Visitenkarte war das Rezital in jedem Fall und dürfte viel nachhaltiger sein als der Auftritt im Rahmen des »Klassik Picknick«.

8. Oktober 2017, Wolfram Quellmalz

Denis Matsuev wird im Rahmen seiner Residenz noch zum 10. Sinfoniekonzert im Mai (Franz Liszt, zweites Klavierkonzert) zu erleben sein.

 

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