Stimmliche Vergoldung der Frauenkirche

Bejun Mehta wird bei der Dresdner Philharmonie zum »Wiederholungstäter«

Residenzen von Solisten oder Komponisten in einer Orchesterspielzeit sind heutzutage fast en vogue. Einen Countertenor für ein Konzertorchester zu verpflichten, war von der Dresdner Philharmonie vor einer Spielzeit allerdings durchaus mutig und unerwartet. Es offenbarte jedoch die eine Seite der Institution »Residenz«: die Möglichkeit, auch abseits des üblichen und erfolgversprechenden (sprich: Einladung an einen Starpianisten) neuen Klang und neues Repertoire zu entdecken. Gleich mehrfach bot sich Gelegenheit dazu. Händel und Mozart erklangen damals, vor der Wiedereröffnung des Kulturpalastes, im Albertinum, in der Schloßkapelle und der Frauenkirche. Nicht nur die Kritiken und Publikumsreaktionen waren einhellig begeistert, ebenso schien die Zusammenarbeit zwischen den Orchestermusikern und dem Solisten, der in Kirche und Kapelle selbst dirigierte, von gegenseitiger Wertschätzung geprägt zu sein. Und daraus folgte die zweite – mögliche – Seite einer Residenz: das intensivere Kennenlernen kann eine Beziehung vertiefen, den Gast immer wieder an seine ehemalige Wirkungsstätte zurückführen. So geschehen am gestrigen Sonnabend, als Bejun Mehta erneut in der Frauenkirche zu erleben war.

Der Countertenor und die Philharmonie folgten diesmal den Sternen, denn alle Stücke hatten einen quasi astronomischen Bezug: zunächst erklangen Ausschnitte aus Werken Georg Friedrich Händels, die in den ausgewählten Stücken oder zumindest im Werk die Sterne beriefen, ihnen folgte Wolfgang Amadé Mozarts letzte Sinfonie – Jupiter.

Statt mit einer Sinfonia begann das Konzert gleich strahlend mit der Arie Amadigis »Sento la gioia« (»Amadigi di Gaula«), der freudig seine Liebe zu Oriana besingt – wer wußte, daß beide zuvor in einem Verwirr- und Ränkespiel mehrfach dem Tode entgangen waren, konnte die Hingabe verstehen, mit der dies geschah. Bejun Mehta und Christian Höcherl (Trompete) brannten hier ein Feuerwerk ab, wie sie Händel wenig später auch der Wassermusiksuite einpflanzte. Wie schön, daß Mehta bei aller Strahlkraft nicht martialisch wurde, sondern stets seine Geschmeidigkeit bewahrte, noch in der höchsten melismatischen Auszierung. Gerade dies ist eine besondere Qualität dieses Sängers – fast möchte man von »Stimmgold« sprechen.

Mit einem Ausflug zu »Rodelinda« gab es jedoch gleich einen gehörigen Umschwung zu verkraften, denn auf süße Verheißung folgten betrübte Klage, besonders spürbar, als Bejun Mehta (Bertardio) seine (falsche) Grabinschrift a capella rezitierte. Da wurde die sich herabsenkende Verzweiflung fast greifbar. Und doch blieb der Countertenor erneut ohne Schärfe. Konsonanten nimmt er die Härte, bringt sie statt dessen zum Klingen. Obwohl der Zwischenapplaus hier – da es unterschiedliche Stücke waren – passend gewesen ist, mochte man die nachfolgende Stille kaum unterbrechen.

Dies galt nicht weniger für den Seelensturm Unulfos (ebenfalls aus »Rodelinda«) und »Destructive war« aus dem Oratorium »Belshazzar«. Wiegend und ruhig das eine, martialisch prachtvoll das andere – selbst hervorgeschleuderte Spitzentöne wahrten diese typische Geschmeidigkeit Mehtas.

Und dabei kam das Zusammenspiel mit dem Orchester, diese Gegenseitigkeit, das gemeinsame Musizieren, nicht zu kurz. Gerade deshalb, weil man sich offenbar blind versteht oder ein Fingerzeig genügt, sich beide aufeinander verlassen. Kurz, knapp und mit geringstmöglichem Nachklang gestaltete Mehta die Werke, setzte noch im Schlußakkord überlegte Akzente.

Davon profitierte nicht weniger Mozarts KV 551. Schlank, luftig erklang die Sinfonie – historische Informiertheit im natürlichen Sinne, nicht mit akademischem Gestus. Ganz wunderbar war das Zusammenspiel der Musiker, aber auch, wie sich der Klang im Raum entfaltete, zur Kuppel aufstieg. (Die Malerei dort zu betrachteten vervollkommnete das Gesamterlebnis.)

Eine gute, wunderbare Stunde Musik war dies, leider ohne Zugabe. Aber viele Musikfreunde dürften sich den 3. November schon im Kalender angestrichen haben, dann kehren Bejun Mehta und die Dresdner Philharmonie in die Frauenkirche zurück.

18. März 2018, Wolfram Quellmalz

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