Warten auf Nigel Kennedy

Letztes Palastkonzert vor den Musikfestspielen

Erst im vergangenen Monat war Nigel Kennedy für David Garrett eingesprungen, der krankheitsbedingt hatte absagen müssen. Enfant terrible statt Popstar? Austauschbar ist keiner der beiden, ihre Auftritte verschieden – die musikalischen Erwartungen mancher waren durch den Wechsel gesteigert.

Doch zunächst hieß es erst einmal Geduld haben. Zu Beginn wie nach der Pause (die Kennedy mit »15 Minuten für den Tee« angekündigt hatte) ließ er sich reichlich Zeit und sein Publikum warten, dafür überzog er ebenso. Am Ende der »Session« war der Übergang zwischen Programm und Zugaben ohnehin fließend – es wurde ein langer Abend. Begonnen hatte er mit der Begrüßung und Vorstellung der Musiker, leutselig und gesprächig – das kam an.

»Bach meets Kennedy meets Gershwin« hatte das Programm am Sonntagabend im Kulturpalast geheißen, doch griff sich der Stargeiger gleich zu Beginn Bearbeitungen heraus: Bachs Inventionen 1, 6 und 8, eigentlich für Tasteninstrument geschrieben, erklangen in einem Arrangement für Violine und Violoncello (Beata Urbanek-Kalinowska). Da hieß es erst einmal einhören, denn wer jetzt den »klassischen« Kennedy erwartet hatte, wie gemeinsam mit Albrecht Mayer oder in den Vivaldi-Einspielungen, wurde überrascht: Die fünf Musiker saßen inmitten von Plexiglaswänden, dafür gab es elektronische Verstärkung für die Instrumente – solche Eindrücke hat man im Kulturpalast sonst nicht. Auch Kennedys Springen und Stampfen konnte da irritieren, sein »aufgekratzter« Bach dagegen klang authentisch – eine Annäherung (»meets«) an den Jazz.

»Inspired by« heißt es oft, wenn Kennedy spielt. Hier war er genialisch, wie er musikalische oder literarische Themen aufgriff und verarbeitete. Aus Isaac Singers Roman »Der Zauberer von Lublin« schuf er musikalische Bilder, später, als er sich George Gershwin zuwandte, blieb er dem Prinzip, eine Vorlage als Inspiration zu verwenden, treu, zerpflückte und zergliederte, phantasierte und improvisierte (auch wenn das meiste vermutlich ausnotiert war) und kam oft erst am Schluß auf das eigentliche Ausgangsthema. Das war mitreißend und begeisternd – Johlen und Pfeifen im Publikum. Nein, eher nicht »klassisch«…

So locker und spontan – musikalisch überzeugend – war Kennedy nicht immer. Abklatschen, hüpfen, »Yeah!« schreien, cool sein… Das wirkte mitunter aufgesetzt und »gemacht«, viel Show zur Musik.

Den Abend hatte Nigel Kennedy jenen Musikern gewidmet, die in seinem Leben wichtig gewesen sind, wie seinem Entdecker Yehudi Menuhin oder Stéphane Grapelli. Ebenso wichtig: seine Partner auf der Bühne: neben der Cellistin waren dies Howard Alden und Rolf Bussalb (Gitarre, nicht weniger inspiriert in ihren Improvisationen) sowie Tomasz Kupiec (Kontrabaß). Und wenn es sein muß (oder wenn er Lust hat), wechselt Kennedy an den Steinway, wo er überraschend »sauber«, also ohne gewollte »Kratzer«, spielte.

Der Teil nach der Pause gehört vor allem George Gershwin, Django Reinhardt, ein wenig »Rhapsodie in blue«, »Necessarily« und »The man I love«; »Jattendrai Swing 1939« hatte schon die Pause eingeleitet. Faszinierend war vor allem der Jazzmusiker Kennedy, der gekonnt frei mit dem musikalischen Material umging.

Das funktionierte teilweise auch klassisch (Sarasate / Zigeunerweisen), bei Bach pur (Präludium E-Dur) dagegen schien Bach eher fern als nah.

12. März 2018, Wolfram Quellmalz

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