Kapellsolisten mit deutscher Erstaufführung

Bachs Kunst der Fuge in einer Bearbeitung von Rudolf Barschai

Johann Sebastian Bach ist ein wesentlicher, wenn nicht der Bezugspunkt für viele Musiker. Auch Dmitri Schostakowitsch hat sich intensiv mit ihm auseinandergesetzt, einen eigenen Zyklus von Präludien und Fugen für Klavier geschrieben. Daß ein Werk Bachs in einem Sonderkonzert der Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch, das vom Festival Sandstein und Musik in der Lohmener Kirche ausgerichtet wurde, erklang, verwundert also nicht. Aufhorchen ließ nicht zuletzt, daß es sich um nichts weniger als eine deutsche Erstaufführung handelte. Rudolf Barschai, ein enger Freund Schostakowitschs, hatte Bachs »Kunst der Fuge« (BWV 1080) bereits in den 1960er Jahren für Orchester bearbeitet und uraufgeführt. Zufrieden war er mit dieser Fassung aber (noch) nicht.

Mit den Schostakowitsch Tagen war Rudolf Barschai eng verbunden. Seinen Besuch bei der Gründungsveranstaltung 2010 mußte er allerdings gesundheitsbedingt absagen. Damals hatte der Komponist und Dirigent seine Bearbeitung bereits noch einmal revidiert, jedoch verstarb er noch im selben Jahr. Die Spätfassung der »Kunst der Fuge« wurde nun am Sonnabend in Anwesenheit von Barschais Ehefrau aufgeführt.

Tobias Niederschlag, der Künstlerischer Leiter der Schostakowitsch Tage, freute sich, daß man dafür die Dresdner Kapellsolisten und Helmut Branny gewonnen hatte, sind diese doch gleichermaßen mit Barockmusik (die Bearbeitung sieht ausschließlich Instrumente vor, die es schon zur Bach-Zeit gegeben hat) wie mit Schostakowitsch vertraut.

Bearbeitungen heben durch die geänderte Instrumentierung oft Stimmen hervor, was ein Gewinn sein, jedoch auch zu Überbetonung führen kann. Gerade bei zyklischen Werken geraten solche Eingriffe dann schnell vordergründig und werden als übertrieben empfunden. Rudolf Barschai hat diese Falle jedoch umgangen und die Stimmen ausgewogen auf die Orchestergruppen übertragen, so daß der grundsätzliche Charakter des Werkes erhalten bleibt. Nur zu Beginn und in der von Barschai vervollständigten Schlußfuge tritt das Orchester in seiner ganzen Fülle in Erscheinung.

Die Kapellsolisten kamen der ehrenvollen Aufgabe mit Umsicht nach und folgten dem musikalischen Kern (dem Fugenthema) des Werkes mit großer Präzision. Selbst bei solistischer Besetzung kam kein konzertanter Stil zum Tragen, sondern ein sich von Contrapunct zu Contrapunct wandelnde Charakter – ganz, als würde eine Orgel zwischen den Teilen eines Werkes neu registriert.

Neben der Entwicklung des eigentlichen Themas waren gerade die Bezüge der Gruppen, der Aufbau der Kanons und die feinen Soli (Daniela Braun – Viola d‘amore, Bernhard Kury – Flöte, Sibylle Schreiber und Petra Andrejewski – Oboen, Erik Reike – Fagott, Jobst Schneiderat – Cembalo) von außerordentlichem Reiz. Die Vermeidung von Überbetonungen war nicht zuletzt der Gesamtheit des Werkes und der Spannung dienlich. So entwickelte sich manche Folge geradezu zwingend, im Contrapunctus IX schien das Thema das feine musikalische Gefüge plötzlich neu zu durchdringen wie Licht die Dämmerung. Und noch mit größerem Tutti ging den Kapellsolisten die filigrane Struktur des Werkes nicht verloren – dafür gab es langanhaltenden Applaus.

29. April 2018, Wolfram Quellmalz

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